Und kein Vater weit und breit, der Stopp sagte. Wirklich keiner? Haben nicht alle jüngeren Neuen Väter Jan-Uwe Rogges Bestseller Kinder brauchen Grenzen gelesen oder einen gleichnamigen Volkshochschulkurs besucht? Oder zumindest den Titel schon mal zitiert? Macht nicht selbst der sanfteste Papa heutzutage zweimal die Woche Männchen und zeigt seinem Kind eine Grenze? Stimmt. Doch jedes clevere Kind wird dem Vater den Ausrutscher verzeihen und ansonsten seinen Willen schon bekommen. Es spürt den Unterschied zwischen Haltung und Gemeinplatz genau.

"Vaterlos", sagt Wolfgang Bergmann, "kann man auch in einer intakten Familie sein." Die Konturlosigkeit des Neuen Vaters wirkt unter Umständen fataler noch als die Abwesenheit der alten Nestflüchter. Offenbar fällt sogar die Identifikation mit einem (idealisierbaren) Vater, der tot ist, leichter als mit einem armseligen Neuen Vater. Paradox: Der längst abgehakte Satz von Alexander Mitscherlich von der "vaterlosen Gesellschaft" wird ausgerechnet in dem Augenblick wieder aktuell, da sich die Väter massenhaft der Familie zugewendet haben.

Er muss sich Respekt verschaffen, auch wenn es Tränen gibt

Einen Ausweg aus dem Väterdilemma gibt es nicht. Der Vater, der nicht auf seinen Beruf verzichten will, aber auch nicht auf die Errungenschaft einer zärtlichen und liebevollen Nähe zu seinen Kindern, den keine patriarchale Rolle (oder gar Prügel) mit Autorität ausstattet und der trotzdem seinen Kindern "Fels in der Brandung" sein will, der muss sich seinen Respekt ganz allein verschaffen. So unerfreulich es ihm erscheint: Es wird Krach und Streit und Tränen geben, Türen werden fliegen, und das eine oder andere wird zu Bruch gehen. Es wird vielleicht vorkommen, dass dem entrüsteten jugendlichen Nutzer der Fernseher oder der Computer vor der Nase ausgeschaltet wird. Und manchmal, wenn die stringente Begründung für eine väterliche Anordnung fehlt, muss es auch ohne gehen: "Tu gefälligst, was ich für richtig halte!"

Ein schrecklich autoritärer Satz, eine Beleidigung für die Ohren des liberalen Kuschelvaters. Die Haltung, die ihn erlaubt, muss sich ein Vater heute erst mal erarbeiten. Womöglich bedarf es hierzu einer gewissen Reife. Der Zappelphilipp-Experte Bergmann jedenfalls empfieht jungen Männern vorsorglich: "Heiratet erst mit 45!" Man darf das sicherlich so interpretieren, dass der Neue Vater auch als Mann unfertig, vielleicht sogar untauglich ist: Wer sich nicht einmal gegen sein Kind durchsetzen kann, der findet auch keine angemessene Weise, sich gegen weibliche Ansprüche durchzusetzen. Respekt findet er so nirgendwo. Nicht beim Kind. Und nicht bei der Frau.