Rrrums! Der Wassereimer an Säule drei der Tankstelle verendet mit hörbarem Knirschen unter den wuchtigen Vorderrädern des beinahe zwei Tonnen schweren Pick-ups. Da der Fahrer überraschend niedrig sitzt und die Windschutzscheibe nur wenig unterhalb der eigenen Augenhöhe eingebaut ist, wird die mittig auf die lange Motorhaube aufgesetzte Lufteinlassröhre zur Barrikade für Blicke nach vorn. Man sitzt wie in einem Bunker. Frei nach dem Motto, dass draußen ist, was einem drinnen nichts anhaben kann, verleitet dieses Gefühl dazu, die Welt außerhalb des Gefährts zu unterschätzen.

Der Nissan Navara hat mit den meisten Personenwagen nichts zu tun und will auch nichts mit ihnen zu tun haben. Er ist als LKW zugelassen, ist dementsprechend schwer, lang, hat eine geräuschvolle Dieselmaschine, zieht alles weg, was nicht angeschweißt ist, und lädt mit seiner üppigen Ladefläche dazu ein, Fantasien zu entwickeln. Mit seinen mehr als fünf Metern Länge ist er eigentlich nichts für Menschen in der Stadt, es sei denn, sie kündigen ihren Job, um in der frei gewordenen Zeit das deutsche Parkplatzkonzept zu überdenken.

Nach beinahe 1700 gefahrenen Kilometern sind postpubertäre Pick-up-Träume geträumt und interessanten Begebenheiten durchlebt. Da ist dieses Autokino, vor dem die Pick-ups aufgereiht stehen wie Matchbox-Wagen im Kinderzimmer. Fröhliche Menschen im Erstwähler-Alter lümmeln auf den Pritschen ihrer Trucks, bei denen verchromte Stoßfänger und seitliche Seitenschweller noch harmlosester Ausdruck von Kraftmeierei sind. Bierflaschen, Colabüchsen, Kippenreste, Sand, Grasfetzen und abgeschnittene Schnürsenkel illustrieren die Szenen, bei denen einige der Pick-up-Nutzer ungeniert zeigen, wie liebevoll man miteinander unter freiem Himmel und auf einer Ladefläche umgehen kann. Vor allem jenseits des großen Teichs sind so genannte Tailgate-Partys Teil der Jugendkultur. Man flirtet und lästert, tauscht Hamburger gegen Cheeseburger, palavert über Jet-Skis oder Surfbretter und hat natürlich den Motor aufgebohrt und das Auspuff-Endrohr vergoldet.

Der Truck macht, wenn man ihn startet, Geräusche, als schlügen Nägel auf eine Metallplatte, denn der großhubige Dieselmotor braucht eine längere Aufwärmphase. Es ist eine Arbeitsmaschine, die Lasten ziehen und transportieren soll. In Fahrt gekommen, springt der Wagen wie ein junger Bock, wenn er durch die Straßenlöcher fährt, die hierzulande keiner mehr zumacht, weil der nächste Winter ja sowieso kommt. Die Schaltung ist hakelig und liegt bei den Gängen so dicht beieinander, dass man sich manchmal verschaltet.

So passierte es, dass einmal statt des fünften der dritte Gang zum Einsatz kam, was zur Folge hatte, dass Fahrer und Beifahrer wegen der plötzlichen Motorabbremsung unfreiwillig den Gurtstraffer testeten. Er funktionierte – und verursachte Quetschgefühle an Brust und Schlüsselbein. Und als es mal mächtig bergauf ging, in einem Waldstück in Böhmen, und die Erde unter den Reifen merkwürdig krümlig wurde, zeigte das schwere Auto, dass man mit der extra zuschaltbaren Getriebeuntersetzung auch in EU-Neuland ohne Sorgen bleibt.

Später, im schönen Prag, nutzten alle Ziehmechanismen und Geländefähigkeiten nichts. Im Nebel der Nacht schlugen Unbekannte eine Seitenscheibe entzwei, die Fahrzeugpapiere verschwanden, und eigentlich sollte der schwere Wagen jetzt vermutlich in Sibirien seinen Dienst tun. Doch so schnell überwindet man die Wegfahrsperre nicht, was die tschechischen Polizisten in ihrem Schadensbericht positiv erwähnten. Der kriminelle Vorgang allerdings, sagten sie, sei kein besonderes Ereignis. Schließlich würde alle 20 Minuten in Tschechien ein Auto aufgebrochen und bestohlen.

Warum sollte auch nur der Fahrzeugtester den sinnfälligen Kompromiss zwischen Ladefläche und Platzangebot bemerken? Bei einer kleinen Rundreise von Burg Frydstein nach Schloss Sychrov passten eine vierköpfige Familie plus Fahrer aufs Gestühl. Hinten allerdings in Holzklasse-Qualität: Zu kurze Sitzabstände sorgten für Absterbegefühle in den Beinen. Zwar blieb bei diesem Transport die Ladefläche leer, doch nach dem Besuch eines Schlosskonzerts mit Geigen, einer Harfe, Pauken und mehreren Blasinstrumenten verstaute sich – in einem Gedankenspiel – auch ein kleines Orchester auf der hinteren Ebene. Der Nissan-Pick-up ist ein Gefährt für alle Fälle – wenn es um Transporte geht.

Doch Vorsicht! Mit seiner Gesamtlänge- und breite sollte man Altstadtgassen und linke Spuren auf Autobahnbaustellen umsichtig berollen, denn bei Überholmanövern kann es ganz schön eng werden.