In Güldünyas letztem Sommer veränderte sich die Welt. Die Sonne stieg schneller den Himmel hinauf, wenn sie morgens die Kühe molk, und sie sank früher zu dem baumlosen Hügel herab, auf dem die Schafe weideten. Wenn Güldünya von den Feldern nach Hause zurückkehrte, schien jeder Tag kürzer zu sein als der vorherige. Die Zeit war nicht länger ein stoffloses Nichts, sie lag in der Luft wie dünne Fäden, die sich um Güldünya schlossen, sie völlig einspannen. Etwas wuchs in ihr. Das Ereignis kündigte sich an.

Sie trug einen langen Rock und ein Kopftuch, wenn sie durchs Dorf lief, wie die meisten Frauen im ländlichen Osten der Türkei. Sie hatte schulterlange dunkle Haare und ebenso dunkle schmale Augen. Sie war ein auffallend stilles Mädchen, und in dem kleinen Ort Budakli machte sich kaum jemand Gedanken darüber, was in ihr vorging. Ihre Familie war arm, die Törens galten als eigenbrötlerisch, und wirklich gestaunt hätten die Nachbarn nur, wenn Güldünya durchs Dorf getanzt wäre und gezeigt hätte, dass sie manchmal auch glücklich war. Auf dem Foto, das später in einer Zeitung erschien, blickt sie streng an der Kamera vorbei. Ihre Lippen waren schmal, die Mundwinkel fielen leicht ab. Ihr Gesicht zeigte erste Spuren von Bitterkeit.

Güldünya war das älteste von vier Mädchen, eines von zehn Kindern der Familie Tören. Nur zwei der sechs Söhne hatten die Obhut der Eltern verlassen. Einer hatte geheiratet und wohnte mit seiner Frau ein paar Häuser weiter - ein anderer war nach Istanbul gezogen, um als Kellner zu arbeiten. Die jüngeren Schwestern gingen noch zur Schule, einem aus großen Steinen gemauerten Gebäude am Ortseingang, in Sichtweite vom Haus der Törens - sie betraten die Schule, ohne zu den Worten über der Tür aufzublicken, einem Satz des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk: Wie schön ist es, Türke zu sein.

Güldünya hatte die Schule fünf Jahre lang besucht, mehr Bildung gönnte ihr das Gesetz nicht, und sie konnte froh sein, dass ihre Eltern das Gesetz achteten.

Seit ihrem elften Lebensjahr half sie auf dem Hof, wie alle Geschwister. Ihre Brüder sahen sich vorsichtig nach Frauen um, während die Mädchen sich danach sehnten, dass ihnen jemand einen Antrag machte. Die Eltern sorgten sich bereits um ihre älteste Tochter, denn in Budakli heiratete man früh. Güldünya war 19 Jahre alt. Die meisten Familien hatten für ihre Töchter längst Männer gefunden, wenn auch oft, ohne die Bräute zu fragen. Die Törens waren zu arm, keine gute Partie. Trotzdem hätten sich die Eltern niemals vorstellen können, dass es für Güldünya schon zu spät war, auf eine gewöhnliche Ehe zu hoffen.

Die Straße, die von der Kleinstadt Güroymak in das kurdische Dorf Budakli führt, gräbt sich in verlassene Hügel. Schmelzwasser hat Furchen ins Gras gerissen, dunkel wie Narben. Gesteinsbrocken liegen verstreut. Der Felsrücken eines erloschenen Vulkans bedeckt den Horizont, auf dem Gipfel glitzert Schnee. Der Berg zieht den Blick fort von den paar Dutzend Häusern am Hang.

Die meisten sind aus grauem Stein gebaut, von Schlamm befleckt. Nirgendwo hält Asphalt die Erde zurück.