Das Gartenjahr verläuft eindeutig anders, als die nüchterne Mathematik des Kalenders es vorsieht: Die Spätwintermonate ziehen sich immer überdimensional hin. Eine graue Ewigkeit lang kann man nur frustriert nach den ersten Lebenszeichen ausspähen und gleichzeitig hoffen, dass sie nicht erfrieren. Mit den Schneeglöckchen jedoch beginnt sich der Lauf der Dinge zu beschleunigen, zunächst leise, dann nur noch im Zeitraffer. Die Narzissen blühen und sind schon wieder weg, desgleichen die verblüffenden winzigen Karos der Schachblume, und wo eben noch Schneeregen auf kahle Zweige fiel, ist plötzlich alles grün. Über Nacht ist er da, dieser alljährliche Ausnahmezustand namens Frühling. Es ist die einzige Jahreszeit, in der selbst Gärtner, die sich viel auf ihre Geschmackssicherheit zugute halten, angesichts einer stechend dottergelben Forsythie in Nachbars Vorgarten sogar dann noch entrückt lächeln, wenn sie bis über die Toppen mit vergessenen bunten Plastik-Ostereiern beflaggt ist. Selbst der Anblick knallrosa überschäumender Zierkirschen vor roten Backsteinfassaden, der einst kalte Schauer durchs aristokratische Ästhetengemüt jagte, bedeutet für Botanikfans im lenzlichen Dauerhoch nichts als die wundervolle Zusage, dass auch dieser Winter unwiderruflich vorbei ist.

Kirsche, Apfel und Flieder blühen und verblühen, und damit streift ein deutlicher Hauch von Vergänglichkeit die erste Garteneuphorie. So schnell? So viel schon wieder vorbei? Gerade erst hat man sich so sehr am Amethystblau der ersten Elfenkrokusse gefreut, jetzt gehen schon die späten Tulpen. Meine fielen dieses Mal ganz unerwartet aus, denn offenbar hatte der Großhändler im Herbst tief in die falschen Blumenzwiebel-Kisten gegriffen. Kaum etwas war so, wie es geplant war, und das hatte, wie so oft im Garten, den größten Reiz. Natürlich kann ich mich auch diesmal kaum an der strengen, rätselhaften Schönheit der fast schwarzen Queen of the Night, dem matten Puderrosa der lilienblütigen China Pink oder dem fröhlichen Charme der kleinen Wildtulpen satt sehen. Natürlich genieße ich den grandiosen Abschied von Maytime , einer purpurfarbenen Lilienblütigen, deren wahre Berufung im großen Finale liegt: Ihre Blütenblätter drehen sich tagelang in dramatischer Geste um sich selbst und nach auswärts und verblassen dabei zu einem unwiderstehlich morbiden, unten gelb abgesetzten Grauviolett, bevor sie abfallen.

Alles überstürzt sich, und der Gärtner schaut berauscht in die Rabatte

Am häufigsten aber bleibe ich diesmal an den Stellen stehen, an denen ich meine Favoritin, die große, mattweiße, lilienblütige White Triumphator erwartet hatte. Statt dieser Noblesse auf hohem Stengel rüschte sich jedoch etwas Stämmiges, Untersetztes, stark Expressionistisches auf, das immer mehr an eine explodierte, zerlaufende Eistüte erinnerte. Die schmalen, distinguierten, dezent gekleideten Kolleginnen rundum schienen sich irritiert zurückzuziehen wie vor einer Gruppe vulgärer Eindringlinge auf einer exklusiven Veranstaltung. Schließlich outete sich die schrille Unbekannte als Klassiker: als rotweiße, grün abgesetzte Papageientulpe Estella Rijnveld , mit fünfzig Jahren Gartenkarriere auf den gewellten Blütenblättern immer noch eine spektakuläre, wenn auch sehr auffallende Schönheit. Keine Ahnung, wie sie gekommen ist, aber sie wird bleiben.

Mit ihr kam es wieder, das ganze bittersüße Frühlingsgartendilemma. Einerseits konnte ich es kaum erwarten, genau zu sehen, wer sich da eingeschlichen hatte, wie die unverhofft amüsante Gruppe denn nun aussehen würde, andererseits: Kaum dass ich es wusste, war es fast schon wieder vorbei. Ein paar warme Maitage, dann jede Menge Regen, und auch die Tulpen sind dabei, sich für ein langes Jahr zu verabschieden.

Bald wird sich all der erste große Überschwang in ruhigere Töne mäßigen, bald kommt die Rosenzeit. Gloire de Dijon, die alte Kletterrose, hat schon die erste Blüte geöffnet. Noch aber sind wir mitten in dieser kurzen, fantastischen Zeitspanne, in der sich die Ereignisse derart überstürzen, dass die Aufnahmefähigkeit kaum mitkommt und der Gärtner leicht berauscht aus der Rabatte blickt. Leicht erschöpft sowieso, denn auch das Unkraut(pardon, ökologisch korrekt: Spontanvegetation) ist spontan zu blühendem Leben erwacht.

Ein kleines Stück Mai steht noch aus, und dennoch ist ein Hauch subtiler Wehmut unabweisbar mit von der Partie. Manchmal ertappe ich mich schon dabei, mir ein kleines bisschen mehr kaltes Wetter zu wünschen, nur um den Lauf der Ereignisse zu verzögern und all die schönen Bilder noch ein wenig festzuhalten – aber dann litten natürlich, entsetzlicher Gedanke, die Rosen. Warum bloß kann das Frühjahr nicht einfach so lange dauern wie der Spätwinter, so, wie es ohnehin im Kalender vorgesehen ist? Wenn es zumindest nicht ganz so rasend schnell verginge, nachdem es endlich, endlich so weit ist.