Keine andere Tür eines Hotels hat in so kurzer Zeit so viel Aufsehen erregt wie die im 3. Stock des Hamburger Hotels Le Royal Méridien. Die cremefarbene Tür gleich links vom Aufzug ist so etwas wie die Erinnerung des Künstlers Peter Dombrowe an seine Kindheitstage. Man kann sie nicht öffnen, und als Dombrowe sie installiert hatte, klebten auf ihr Poster aus Illustrierten mit Popidolen wie Britney Spears und Hanuta-Abziehbilder mit Fußballspielern. Der Künstler wollte eine Art work in progress auslösen. Gäste sollten die Bilder wieder abziehen, neue aufkleben, Notizen auf die Tür krickeln und mehr. Für einige wurde sie jedoch zum Stein des Anstoßes. Und irgendwann bekam Hoteldirektor Klaus Brandstetter Post von einem besonders empörten Gast. Dieser schickte den Katalog über die Kunst im Le Méridien nach seinem Hotelaufenthalt zurück und schrieb: Herr Dombrowe dürfte sich wohl vor Lachen auf die Schenkel geschlagen haben, als man ihm für das Objekt auch noch Geld gezahlt hat.

Nun ist Peter Dombrowe kein Hobbybastler, ebenso wenig wie seine Kollegen Marc Lüders und Florian Borkenhagen. Die drei gehören zu den insgesamt 50 Hamburger Künstlern und Fotografen, deren Arbeiten die Volksfürsorge für 800000 Euro gekauft und im Le Méridien dauerhaft ausgestellt hat – das Hotelgebäude ist im Besitz des Versicherungskonzerns. Mit regelmäßigen Kunstführungen versucht man nun auch Einheimische für einen Besuch in dem Fünf-Sterne-Domizil an der Alster zu begeistern. Und bei aller Liebe zur Kunst steht dahinter auch eine klare Absicht: Da in Deutschland Nacht für Nacht mehr als eine Million Betten leer bleiben, versuchen Hotels inzwischen mit mehr oder weniger außergewöhnlichen Ideen auf sich aufmerksam zu machen. Es ist ein Trend: Hotels werden hybrid genutzt, sie stellen ihre Räume in einen neuen Kontext. In den Küchen bieten sie den Bewohnern der Stadt exklusive Kochkurse an, ihre Zimmer und Lobbys werden wie Museen genutzt, ihre Bar soll die Kneipe um die Ecke ersetzen, ihre Lounge wird zur Party-Location für die Szene.

Die mit Hanuta-Bildern beklebte Tür war manchem Gast zu anarchisch

Mehr als 800 Hamburger meldeten sich seit der Eröffnung des Le Méridien im September 2003 an, um die 640 Kunstwerke und damit auch das Hotel zu besichtigen. Manchmal unterstreichen die Bilder und Objekte die stilvollen Zimmer und Flure des Hauses, manchmal stehen sie, wie Dombrowes Tür, in einem krassen Widerspruch zu ihrer Umgebung, und in der Lobby betonen sie das leicht missglückte Interieur. Denn dem französischen Innenarchitekten Pierre Yves Rochon erging es offensichtlich wie einem kleinen Jungen, der zum ersten Mal mit einem Baukasten spielt und noch nicht so richtig weiß, wohin mit dem ganzen Gedöns. Der Gast hat das Nachsehen. Er betritt die Lobby, landet beim Concierge, muss sich von dort zur Rezeption ganz hinten im linken Flügel schicken lassen (an die ein Künstler wenig originell das Wort "Willkommen" in verschiedenen Sprachen drapiert hat), um nach dem Einchecken wieder zurück zu den Aufzügen zu laufen.

Die Opus-Lounge des Hotels ist gleich hinter den Aufzügen. Ein runder, konservativ-gemütlicher Raum, in dessen dunkle Holzpaneele zwei beleuchtete Vitrinen eingelassen sind. Darin stehen acht Objekte von Florian Borkenhagen, die den Betrachter wechselweise heiter und melancholisch stimmen. Borkenhagen beschäftigt sich mit dem Thema "Heimweh und Fernweh". Seine Arbeiten hat er aus hölzernen und eisernen Gegenständen gefertigt, die er im Hamburger Hafen gefunden hat, Insider nennen ihn auch den "Mülltonnentanker". Eines seiner Objekte heißt Takatukaland, eine aus grobem Holz gehauene Arche, an deren Front ein kleiner weißer Knopf sitzt. Drückt man darauf, hört man das Brummen eines Schiffsmotors. "Es ist besonders reizend, Orte zu bespielen, die man nicht sofort mit Kunst assoziiert", sagt Florian Borkenhagen, der bei der Führung an diesem Sonntagnachmittag selbst anwesend ist. Borkenhagen hat bereits in Tankstellen ausgestellt, aber auch auf der Documenta war er vertreten. Er sagt: "Kunst im Hotel kann auch subversiv, fast anarchisch wirken." Seine Worte klingen einem noch in den Ohren, als die 15 Besucher in Stockwerken und einer Suite die Kunst besehen und der Galeristin Ruth Sachse zuhören, die über Ästhetik spricht, und sie sind nicht vergessen, als die Kunstinteressierten dann vor Dombrowes Tür stehen: War das Werk zu anarchisch? Hat Hoteldirektor Klaus Brandstetter womöglich die work in progress beschleunigt? Poster und Aufkleber sind verschwunden. Die Tür wirkt banaler als die Türen der Suiten.

Vielleicht liegt die eigentliche Kunst darin, aus einem Hotel ein Museum zu machen. Wo wird Kunst zur Dekoration? Warum schiebt man noch ein farblich passendes Sideboard unter das Ölbild? Wie viele Objekte verträgt ein Haus? Das Le Méridien ist in Besitz der größten Sammlung von Werken zeitgenössischer Künstler der Stadt, und es bietet Führungen an, für die Einheimische zehn Euro bezahlen. Natürlich gerät man so schnell in aller Munde. In einem Markt wie der deutschen Hotellerie, der es seit einigen Jahren so schlecht geht wie selten zuvor, ist das nicht unwichtig. "Das Krisenjahr 2002 wurde 2003 nahtlos von einem weiteren Annus horribilis abgelöst", heißt es in einer vom Hotelverband Deutschland (IHA) in Auftrag gegebenen Studie. Schon die mittelprächtige Zimmerauslastung von 59 Prozent (Europa-Durchschnitt 65) habe sich die Hotellerie durch Preisnachlässe "erkauft". In Berlin beispielsweise zahlte ein Gast für ein Zimmer im vergangenen Jahr durchschnittlich nur 87 Euro, das waren rund 50 Euro weniger als in Rom, Paris, London oder Madrid. Vor allem privat geführte Häuser halten die Durststrecke kaum noch aus. Sie entlassen Angestellte, fahren den Service herunter, schließen das Restaurant, bis am Ende ein Hotel garni übrig bleibt, in dem ein Mensch nicht wirklich schlafen möchte. Über 2100 Beherbergungsbetriebe meldeten in den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres Insolvenz an. Zum Großteil waren es Nullachtfünfzehn-Häuser, die den Anschluss an eine anspruchsvoller werdende Klientel verpasst haben.

In Zukunft werden nur die Häuser eine Chance haben, die perfekten Service mit Kreativität kombinieren und dem Gast mehr als das Erwartbare bieten. Eine ungewöhnliche Idee hatte Wolfgang Look mit seinem neuen Hotel Q! in Berlin-Charlottenburg. Von außen betrachtet, gleicht es einem schlichten grauen Appartementkomplex. Innen wundert man sich über das eigenwillige Design. Stierblutrotes Linoleum bedeckt den Boden, wellt sich aus ihm heraus, um dann Möbel wie Bar und Bänke zu überziehen. Gewohnte Formen lösen sich auf, die Lounge im Erdgeschoss gleicht einem ausgeschlagenen Violinenkasten mit rotem Futteral, sie kann wie eine Theaterbühne durch leichte weiße Vorhänge beliebig vergrößert oder verkleinert werden. Look gehören in Berlin auch die Hotels Alexander Plaza und Hackescher Markt. Er ist 50 Jahre alt, trägt Zara-Anzüge und adidas-Turnschuhe und bewahrt sich seinen starken Akzent aus Köln, wo er in den siebziger Jahren die Diskothek Piccionaia besaß. "Das Hotel Q!", sagt er, "soll auch für Berliner eine Attraktion sein." Ein zehnköpfiges Komitee sucht deshalb Leute aus, die Mitglied werden können und damit das Recht haben, die Lounge in Begleitung von drei Personen wie ihr Wohnzimmer zu nutzen. 350 Auserwählte sind es bereits. Wer hier abends seinen Drink einnimmt, wird von äußerst schönen Menschen in schwarzer St.-Emile-Garderobe bedient. Pate stand die Bar des Metropolitan-Hotels in London, das mit dem Konzept members and hotel guests only schon vor Jahren Furore machte. Das Interesse war so groß, dass Nichtmitglieder sich in ihrer eigenen Stadt ein Hotelzimmer buchten, um die Bar besuchen zu dürfen. Davon träumt auch Wolfgang Look.

"Der Aufenthalt im Hotel soll ein Abenteuer sein", sagt Thomas Willemeit, der das Hotel Q! mit seinen Kollegen Lars Krückeberg und Wolfram Putz designt hat. Die drei jungen Architekten arbeiten in Berlin und Los Angeles, wo sie bereits für Brad Pitt ein Haus gebaut haben. Sie verkörpern "eher eine Rock-’n’-Roll-Band als ein Architekturbüro", schreibt die L. A. Times. Im Hotel Q! haben sie den Ruheraum der Saunalandschaft mit Sand und orangefarbenen Liegen in eine Strandidylle verwandelt. Und auch bei den Zimmern, die alle mit dunklem Holz, Straußenleder und Schiefer gestaltet und sicherlich nicht jedermanns Geschmack sind, dachten sie mehr an eine offene Bühne, auf der sich, wie in der Lounge, die fließenden Formen fortsetzen. Zwischen Bett und Badewanne passt kein Handtuch, die Nähe zwingt die Gäste zur ständigen Auseinandersetzung. "Wir glauben", sagt Thomas Willemeit, "dass der Mensch ein starkes Bedürfnis hat, in seinem Leben immer neue Rollen auszuprobieren." Für VIPs liegen in den Zimmern "anatomicals" bereit, Mundwasser und Koffeinpulver, auf deren Packungen "look hot and globetrott" steht. Der erste prominente Gast war auch schon da, Drew Barrymore. Doch statt zur Party ging die Schauspielerin, Recherchen der Bunten zufolge, bereits um 23 Uhr zu Bett.