Was zieht die Wolken über den Himmel? Wieso strecken sich Getreidefelder zur Sonne? Können Grashüpfer springen, wenn sie nur noch ein Hinterbein haben? Sind unsere Köpfe wirklich porös? Hat Gelb einen Geruch? Wird man mit einem anderen Namen auch ein anderer Mensch?

In einen Sommer der Suche entführt uns Kate Banks in ihrem wunderbaren Buch Vogelkind. Der 1961 in Maine/ USA geborenen Autorin, bei uns bisher als Bilderbuchautorin bekannt, gelingt in ihrem ersten Kinderroman eine kleine Sensation. Denn in der Geschichte von Dillon, dem Denker und Fragensteller, stimmt alles: Der Plot, die Atmosphäre und nicht zuletzt der Ton, den die Übersetzerin meisterhaft hält. So viel des Lobes.

Dillon verbringt die Ferien mit seiner Familie am Wabansee. "Warum habt ihr mich Dillon Dillon genannt?", fragt Dillon an seinem zehnten Geburtstag, und seine Eltern gestehen ihm beklommen, dass er ein adoptierter Junge sei. Da gerät ihm die ohnehin schon rätselhafte Welt ins Schwanken, und in seinem Kopf keimt "ein ganzes Bündel beunruhigender Gedanken".

Trost findet Dillon in seinem frisch geschenkten Boot und den Besuchen auf der Insel mitten im See. Und in der Freundschaft mit einem Eistaucher. Schon bald stößt er spitze Eistaucherschreie aus, macht Eistaucherbewegungen und Eistaucher-"Fußwackler". Er borgt dem Vogel sogar seinen linken Turnschuh für den Nestbau. Als die Mutter ihn nach dessen Verbleib fragt, antwortet er sehr Dillon-mäßig: "Können wir das Thema wechseln?"

Nachts liegt Dillon im Bett, unterm Kissen ein Buch über Eistaucher. Vielleicht, so denkt er, ist sein Kopf ja porös und hat am nächsten Morgen alles Wissen aufgesogen. Tags rudert Dillon zur Insel und unterhält sich mit dem Eistaucherpärchen, schaut zu, wie die beiden sich beim Brüten abwechseln, und überlegt, ob ein Mensch nicht etwas von einem Vogel hat. Je vogelhafter Dillon wird, umso näher kommt er den großen Fragen des Lebens und kleinen Antworten darauf. Eine Stimme, ein Sonnenschirm, ein Blick, ein T-Shirt, alles kann ihm Anstoß zum Grübeln sein. "Nichts blieb, wie es war. Alles änderte sich ständig. So war das Leben."

Dillons Zeit als Vogel geht zu Ende wie die Ferien. Dillon muss wieder zur Schule, wo sie ihn grinsend "D Quadrat" nennen. Dennoch bleibt ein Hauch von Glück zurück. Und die Gewissheit, dass Dillon seine Bestimmung finden wird. Man riecht es förmlich. Ähnlich wie Dillon, der behauptet, die Nacht habe einen Geruch. "Und die Dunkelheit auch, genau wie der Sonnenschein und die Farbe Gelb."