Michaels private Sackgasse endet nachts auf einer kleinen Lichtung vor den Toren Berlins. In einem Spiel hieße es jetzt vielleicht: Gehe zurück auf Los und ziehe sofort wieder ein in jene großzügige Zehlendorfer Villa, die drei Zimmer mit eigenem Bad, den vernetzten Computern und dem Videoprojektor. Doch dort sind Ich-Erzähler Michael samt Mutter vom neureichen Freund vor die Tür gesetzt und vertrieben worden. Für beide hieß das: Gehe direkt nach Neukölln, in eine winzige Wohnung, Tür an Tür mit Secondhandläden, Pfandleihern und Dönerbuden. In eine Realschulklasse, in der Michael sofort als der Verlierer aus dem Bonzenviertel gebrandmarkt wird.

Mit beängstigender Geradlinigkeit schildert Gregor Tessnow, wie sich Michael Tag für Tag mehr in den neuen Abhängigkeiten verheddert. Ein paar Jungs um ihren Anführer Errol erwarten ihn draußen auf dem Schulhof. Kein Ärger, dafür Bezahlung: teure Sneakers, ein Handy, Bargeld, eine Forderung folgt der nächsten. Um dem zu entkommen, nimmt Michael das Angebot einer anderen Clique an: Schutz gegen Gefälligkeiten. Als Kurier für Hamal und dessen Freunde verteilt er ein paar Gramm Hasch an Geschäftskunden. Dann mehr. Bis er unentrinnbar in den schwelenden Konflikt der beiden Gruppen gerät.

Nun steht er frierend im Lichtkegel der Autoscheinwerfer, vor ihm liegt wehrlos sein Peiniger Errol. Vom ersten Tag an hat der ihn gequält, eingeschüchtert, ihm klar gemacht, was passiert, wenn er nicht spurt. Nichts anderes als seine Ruhe haben wollte Michael. Aber so? Einer von Michaels vier Begleitern drückt ihm einen Revolver in die Hand. ",Du oder er‘, sagt Hamal." Schon glaubt der Leser, von ferne den Ruf "Gewalt ist keine Lösung!" als Maxime eines pädagogisch wertvollen Jugendbuchs zu hören, doch dafür ist in Gregor Tessnows Knallhart kein Platz.

In dieser Geschichte gibt es nichts, das den Crash unterschiedlicher Kulturen und Gruppen abfängt oder die Reibung mildert, die von sozialen Differenzen ausgeht. In diesem Buch existiert nur eine traurige Wahrheit. Dass für einen 15-jährigen Jungen auch das Unvorstellbare möglich werden kann, wenn das schöne Leben plötzlich einer tristen Wirklichkeit aus alltäglicher Bedrohung und Gewalt weichen muss.

Vielleicht kennt Gregor Tessnow ein bisschen mehr von diesem traurigen Leben als andere Autoren. Sein Erzählton klingt jedenfalls ungekünstelt, die Dialoge sind rau und nah dran an den Straßenecken und schmuddeligen Cafés Neuköllns. Das Buch riecht nach der Stadt, nach abgestandenem Bier aus Aldi-Paletten, nach kaltem Rauch und überquellenden Abfalltonnen. Tessnows Berlin-verbundene Biografie, in der ein Rauswurf aus der Schule, ein abgebrochenes Ingenieursstudium und ein paar Jahre Taxifahren auftauchen, verbinden ihn mit seinem Sujet. Darum liegt Berlin nahe, darum das Thema, das Protokoll eines sozialen Abstiegs mitten hinein ins soziale Sperrfeuer einer Schulklasse ohne Perspektive.

In die wechselvolle Karriere von Gregor Tessnow fällt die Freundschaft mit Zoran Drvenkar. Zwei junge Männer, die Schriftsteller werden wollen. Sie ermöglichen sich gegenseitig das Schreiben, sind Ansporn und Korrektiv zugleich. Zoran Drvenkar hat das Ziel schneller erreicht, darum darf er als etablierter und mit Preisen bedachter Autor seinem besten Freund ein reichlich selbstverliebtes wie überflüssiges Vorwort beisteuern. Und drängt damit den Vergleich mit seinen eigenen Berlin-Romanen, die oft in ähnlicher Umgebung spielen, förmlich auf. Einige inhaltliche Fehler, falsche Tempi und Misstöne in der Figurensprache, insbesondere die wenig überzeugende Mutter, kratzen leider am Lack einer äußerst schonungslosen und deshalb lesenswerten Chronik.