Bilderbücher haben’s schwer. Entweder langweilen sich die Kinder oder die Erwachsenen. Einmal ist der Text hervorragend, das andere Mal sind’s die Bilder. Manchmal ist das Thema pädagogisch zu wertvoll, dann wieder sind die Illustrationen künstlerisch innovativ. Hin und wieder rumpeln die Reime, doch dem Kind ist das völlig schnurz, weil es die liebe Mutter vorliest. Und wo etwas "süß" heißt, liegt der Kitsch ganz nah. "Und das gefällt dir? Na, meinetwegen."

Selten, dass der Erwachsene im Kind mit dem Kind im Erwachsenen übereinstimmt und beide aus tiefster Seele "Wow" sagen. Philip Waechters Geschichte meines Opas ist so ein Fall. "Wenn ich groß bin, wäre ich gern wie mein Opa", erklärt der Junge. Klaro, dass Opa mit rotem Cape und blauem Superopa-Trikot auftritt, fliegen kann, doch ansonsten reichlich unspektakuläre Aufgaben löst. Als da sind: Babysitten, schlechte Laune vertreiben, Badehosen auf den neuesten Stand nähen, Frisur ändern, Krokodil fangen oder vergeblich versuchen, sich am Campingplatz nicht zu ärgern.

Acht Comic-Geschichten zeichnet Waechter in frischen Farben, gibt der Handlung jenen kleinen Dreh, der sie witzig macht, ohne sie zum Gag zu überziehen, eine Unsitte, die vielen Bilderbüchern nach einmaligem Genuss den Garaus macht. Der Opa an sich neigt zur altersbedingten Melancholie, wird aber auf der Stelle bekehrt, trifft er auf ein Kind, das ihm das Muffeln austreibt. Wer da wem hilft, ist Ansichtssache. Als er die erschröckliche Schlagzeile "Unsere Kinder werden immer dümmer" liest, beschließt Opa, der Aufklärung zu dienen. Doch vergeblich. Er verwechselt Pumuckl mit Pokémon (und schreibt’s auch falsch!), fehlendes Basiswissen, das jede Autorität schwächt. Also müssen sich die Kinder bemühen: "Pass auf, es gibt 150 Pokémons, das hier ist Pikachu!" – Und nach Stunden geduldiger Instruktion: "Wenn sich sonst keiner um unsere Opis kümmert, müssen wir das eben machen."

Philip Waechter, 1968 in Frankfurt am Main geboren und schwerstbelasteter Sohn des großen Friedrich Karl Waechter, kehrt gern um, was allzu selbstverständlich ist. In seinem Bilderbuch Josef Schaf will auch einen Menschen drehte er 2002 – zusammen mit Kirsten Boie – den Haustierwahn von Kindern ins handgreiflich Anschauliche: Das arme Menschlein sitzt im Käfig und wird vom Schäfchen gefüttert und verwöhnt. "Du weißt doch, dass Papa und ich nichts von Hausmenschen halten", sagt Mama Schaf.

In einem Bärenmonolog mit dem sprechenden Titel Ich widmet sich Waechter nun dem kindlichen Minderwertigkeitsgefühl und wendet es in sein Gegenteil: "Ich… Ich mag mich." Selbstgewiss, doch ohne Arroganz marschiert der Bär über die Seiten, erklärt, dass er gern lebe und wisse, was er wolle, dass er schön sei und toll: "Ich gehe meinen Weg." Doch vorsichtig und liebevoll entlarvend, setzt Waechter diesem ungebrochenen Ich kleine Dämpfer auf, nimmt dem Bären mit leichtem Comic-Strich das Kitschige, deutet an, statt auszumalen, gibt dem Bild jenen kleinen Kommentar, der es in Spannung versetzt. "Ich spreche viele Sprachen", erklärt der Bär und verkündet stolz die deutsche Frühstücks-Losung: "Une baguette et deux croissants!" – "Großzügigkeit ist für mich mehr als ein Wort: Ich teile gern", gesteht er und verschenkt aus seinem riesigen Sack Bonbons großzügigerweise – ein einziges. Maurice Sendak schrieb einmal: "Worte werden weggelassen – aber das Bild spricht. Bilder werden weggelassen – aber die Worte sprechen." Philip Waechter malt wahre Bilderbücher.

Dass sich der Bär am Ende doch "schrecklich einsam fühlt und klein" und sich nach der Liebsten sehnt, ist bärig, verkleinert das Buch aber leider auf das Pappständer-Format neben der Ladenkasse, ein Valentinstag-Mitbringsel für die Liebste jeden Alters. Es ist gefährlich, sich in jener halbphilosophischen Kuschelzone zu bewegen, die dem erwachsenen Vorleser mehr Lächeln entlockt, als es dem Kind Spaß macht.

Dies hätte auch der neuen Zusammenarbeit von Kirsten Boie und Philip Waechter drohen können, trägt das Bilderbuch doch den Titel Was war zuerst da?. Gemeint sind Ei oder Henne. Das beginnt ganz traditionell mit einem wimmelbildrigen Panorama vom Bauernhof, realistisch der Bauer, ordentlich der Stall, selbstzufrieden die Hühnergesellschaft. Nur ein Huhn stellt sich jene Frage, die Hühner ja am meisten beschäftigen müsste. Doch die einen wollen nichts wissen, andere sind zu träge oder haben vorwiegend Körner im Kopf. Also packt die kleine freche Henne ihren Koffer und macht sich auf den Weg in die Welt, um die Antwort zu finden.