Kriminelle Leckereien – Seite 1

Madrid: Carlos Clot ermittelt

Das Setting ist geläufig: Ein um alle Illusionen gebrachter Privatdetektiv mit einem gehörigen Überschuss an Moral sitzt – bewaffnet mit der obligatorischen Whiskyflasche und einem Revolver – in seinem heruntergekommenen Büro und hält gelangweilt nach potenziellen Auftraggebern Ausschau. Die klassischen hard boiled- Krimis haben diese ebenso simple wie geniale erzählerische Ausgangslage in all ihren Spielarten und Couleurs wieder und wieder variiert. Allen voran die von ganzen Generationen nachrückender Krimischreiber geradezu mythisch verehrten Hammett- beziehungsweise Chandler-Geschöpfe. Sam Spade und Philip Marlowe geisterten auf diese Weise in immer neuen, größtenteils fragwürdigen Kopien durch die Literaturgeschichte. Und auch die späteren Vertreter der so genannten literarischen Postmoderne huldigten in ihren aus Versatzstücken der Genre- und Trivialliteratur montierten Romanen lustvoll den Klassikern der Genres. Die intelligenteste und wohl aberwitzigste Spielart neueren postpostmodernen Genre-Mixes liefert nun der 1963 in Asturien geborene Spanier Rafael Reig, dessen rasant angelegte Persiflage Überall Blut sich reihum bei den Genres bedient: Western, Science-Fiction, Superhelden-Comic, Literatursatire, Porno und nicht zuletzt Private-Eye-Thriller nach Chandler-Art liefern die Muster für eine Geschichte, wie sie schräger und slapstickhafter kaum sein könnte. Das Resultat ist die nahezu perfekte B-Seite eines klassischen Noir-Romans à la David Goodis oder Cornell Woolrich, ein Trash-Bastard, der sämtliche Register reibungslosen Erzählens zieht und dabei auf seine geplünderten Vorbilder auf geradezu freimütige Weise anspielt. Rafael Reig entrollt die Geschichte des Privatermittlers Carlos Clot, dem in einem futuristischen Madrid gleich drei Fälle gleichzeitig auf den Tisch flattern: Ein Vater sucht seine entlaufene Tochter; ein Angestellter der Stadtverwaltung will seine Ehefrau der Untreue überführen. Und der von seinen Geschöpfen halb um den Verstand gebrachte Schriftsteller Phil Sparks beklagt den Verlust einer weiblichen Romanfigur – die ihm mit ihrem Verschwinden die elementarste Schreibkrise seines Lebens beschert hat. So ist es an Clot, gleichzeitig an drei Fronten zu operieren. Dabei führen ihn seine Nachforschungen durch ein ebenso bizarres wie monströs anmutendes Madrid. Mittendrin: Carlos Clot – der saufende Moralist, der bald begreifen muss, dass er es in Wahrheit mit einer einzigen großen Verschwörung – und einem scheinbar überlebensgroßen Gegner zu tun hat… Rafael Reigs literarischer Comicstrip demonstriert, wie raffiniert und kurzweilig das ausgesuchte Spiel mit Zitaten und Verweisen sein kann. Einer überbordenden Fantastik geschuldet, ist dem Spanier eine temporeiche literarische Kuriosität ersten Ranges geglückt.

Peter Henning  

Merzthal: Keppler ist tot

Die klassische Krimifrage "Wer war es?" spielt in Hans Werner Kettenbachs Kleinstadtaffäre eine sehr geringe Rolle. Zu groß ist die Erschütterung, die der Tod des Merzthaler Übermenschen Keppler im Sozialgefüge der kleinen Stadt am Rand der Eifel auslöst. Keppler war Hauptarbeitgeber, Mäzen und Stadtregierung in einem. In die Neuordnung der Nachfolgeverhältnisse passt der Verdacht gegen den Auswärtigen Carl Wallot, einen Schriftsteller aus der Stadt, der nicht nur die Leiche fand, sondern auch die junge Zweitfrau des Verstorbenen in seinem Hotelzimmer empfing. Die interessanteste Figur ist der Erzähler. Jungjournalist Froberger ist der Spiegel des zeitgenössischen Kleinstadtressentiments. Zu brav, um auch nur die Deadline seiner Redaktion zu überschreiten, ein Schnüffler voll Sehnsucht nach den Parfüms der großen Welt. Doch letztlich verpufft alles: der Verdacht gegen den Schriftsteller, die heiße Liebesaffäre. Kettenbachs Kunst besteht in der subtilen Unterwanderung der Leservorstellungen, wie zermürbt fallen die Stereotype auseinander. Was übrig bleibt, sind entblätterte Kleinstadtaffären, Kaiser und Provinzstädte ohne Kleider.

Tobias Gohlis

Kriminelle Leckereien – Seite 2

Barcelona: Pepe Carvalho lebt

Die Leiche hätte diesmal der Detektiv sein können. Zumindest hatte das Manuel Vázquez Montalbán immer mal wieder angekündigt: dass er seinen Pepe Carvalho, den Exkommunisten und Ex-CIA-Agenten, ironischen Kulturpessimisten und kritischen Chronisten der spanischen Gegenwart, im Jahr 2000 umbringen würde. Natürlich stirbt Carvalho in diesem Roman – Band 22 der Serie – nicht. Wohl aber ist er gealtert. Man merkt es ihm an. Nachdem ihn seine letzten Ermittlungen nach Madrid und Buenos Aires geführt hatten, kehrt Carvalho nun nach Barcelona zurück. Er ist nicht der einzige Rückkehrer. Auch Charo, Exprostituierte und früher ständige Geliebte des Detektivs, ist nach siebenjähriger Abwesenheit wieder da, um sich mit dem Mann ihres Lebens (so der Titel der spanischen Ausgabe) zu versöhnen. Der aber hat in den letzten Monaten vor dem Jahrhundertwechsel andere Sorgen. Da gibt es zunächst einen Kriminalfall: den Mord an dem Sohn einer der finanzstärksten Familien der katalanischen Großbourgeoisie, der Carvalho in die Kreise von Sekten, katalanischen Nationalisten und Geheimdiensten führt. Reichlich Anlass für den Detektiv, in gewohnter Manier über verschiedenste aktuelle Konflikte zu reflektieren. Tatsächlich aber – und das ist neu – verliert Carvalho bald das Interesse an den Ermittlungen. Die Gründe: Er macht sich Sorgen um seine Rente. Er hat sich verliebt. Und er "verspürt zum ersten Mal Unsicherheit". Nein, es ist nicht wirklich ein Kriminalroman, mit dem man es hier zu tun hat. Es ist ein Roman für Carvalho-Fans, ein Wiedersehen mit den Figuren der Serie, eine Liebesgeschichte, ein Nachdenken über das, was hätte sein können und nicht mehr sein wird, und vor allem ist es ein Abschied. Nur noch ein weiteres Carvalho-Abenteuer, schrieb Manuel Vázquez Montalbán, der im vergangenen Jahr starb. Am Ende – und auch damit hatte Montalbán gelegentlich kokettiert – hat der Detektiv seinen Autor überlebt.

Jennifer Wilton

Wien: Karoline mordet

Im Whodunit-Krimi sind Morde so selbstverständlich, dass man als Leser nur selten auf den Gedanken gestoßen wird, warum sie begangen werden. Die Motive des Mörders wecken Interesse nur, insoweit sie zu seiner Entdeckung führen. Engelsgift, der erste Roman der Wiener Autorin Susanne Ayoub, ist allein deshalb ein bemerkenswertes Buch, weil es anschaulich und einfühlsam die sozialen, historischen und kulturellen Beweggründe und Umstände einer Serie von Morden erhellt, die das Wien der Zwischenkriegszeit erregten. Der historische Fall einer mehrfachen Mörderin, die ihren Opfern eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten aufschwatzte, bevor sie sie mit Rattengift umbrachte, diente Ayoub als Vorlage für das Schicksal ihrer Heldin Karoline Streicher.

Kriminelle Leckereien – Seite 3

Weil das Baby der Karriere seiner Mutter im Weg stand, wurde es an eine Pflegefamilie weggeben – damals eine verbreitete Variante der Abtreibung. Als 13-Jährige wurde Karoline mit Billigung der Mutter an einen wohlhabenden pädophilen Versicherungsbeamten vermittelt, der sie drei Jahre später heiratete. Ihr Mäzen verpasste ihr eine standesgemäße Ausbildung. Wichtiger war, was sie nebenbei lernte: die Macht über Männer und den Umgang mit Versicherungspolicen. Verurteilt wird Karoline 1938 (das erste Todesurteil in Nazi-Österreich) wegen Mordes an zwei Ehemännern, ihrer Tochter, einer Tante und deren Haushälterin. Drei Fragen halten den Leser in Atem: Wie wurde Karoline zur vielfachen Mörderin? War sie überhaupt die Täterin? Welche Rolle spielt ihr Sohn Hermann, der das scheinbar abgeschlossene Drama aus den zwanziger Jahren einer jungen Drehbuchautorin mit dem Satz präsentiert: "Es war ein Justizirrtum!"? Kein Irrtum: Engelsgift ist außergewöhnlich. Gut.

Tobias Gohlis