Armer George! Er hat es doch nur gut gemeint. Ernest, dem 18-jährigen Streuner und Schulschwänzer, der in das Landhaus der Mecklins eingebrochen ist, wollte er nach der moralischen Lektion ein wenig Literatur und Algebra nahe bringen. Eine Aufgabe, die dem Leben des frustrierten Lehrers neuen Auftrieb geben könnte. Stattdessen wird dieses Leben völlig auf den Kopf gestellt. Emma, Georges Frau, reagiert auf den Eindringling, dessen "sylphenhafte" Eigenschaften ihr nicht entgehen, mit Eifersucht. Ist ihr Mann am Ende schwul, ohne es zu wissen?

Halb zog es sie, halb sank sie hin: Eines schönen Sommernachmittags lässt sie sich von Ernest verführen. "Es ging so schnell", sagt sie. "Ich wußte nicht, daß es so schnell gehen kann." Dann verlässt sie, ebenso schnell, ihren Mann. Der im Zustand seelischer und alkoholischer Verwirrung seinen inzwischen verschwundenen Schützling kopiert: Spät nachts nähert er sich auf zweideutige Art dem Haus eines Nachbarn, wird von diesem angeschossen und schwer verletzt.

Das ist in groben Zügen die Fabel des Romans Pech für George, den die inzwischen auch hierzulande berühmte amerikanische Schriftstellerin Paula Fox 1967 veröffentlicht hat. Sie erzählt ihre Geschichte subtil, vieles vollzieht sich in Ellipsen und Andeutungen; und sie stattet sie mit retardierenden Nebenhandlungen aus, etwa einer fatalen Liaison zwischen Georges älterer Schwester Lila und einem heruntergekommenen Schauspieler. Paula Fox schreibt exzellente Dialoge (die auch in der Übersetzung von Susanne Röckel lebendig klingen). Ihr größter Vorzug aber liegt in der Fähigkeit zur Zuspitzung und Verschärfung alltäglicher Situationen. Immer wieder ragen aus dem scheinbar gemächlichen Fluss der Sprache scharfkantige Splitter heraus, die die Aufmerksamkeit des Lesers fordern und sein Vergnügen fördern. Nach dem Desaster beschreibt die Autorin ihren fassungslos dasitzenden Helden als einen "Sack voller Eingeweide". Diese Zuspitzungsprosa à la Fox enthält bei aller Eleganz nicht selten einen kalkulierten Schuss Brutalität.

Es liegt ein Entlarvungs- und Ernüchterungsfuror darin, zugleich aber auch eine tiefe Sympathie für die Protagonisten, für diese "verzweifelten Charaktere". So lautet der Originaltitel des berühmtesten und besten Fox-Romans von 1970, dessen deutsche Übersetzung (2000) Was am Ende bleibt genannt wurde. Das Thema auch dieses Romans ist der Zusammenbruch einer scheinbar fest gefügten Ordnung. Im drei Jahre jüngeren Buch vollzieht der Sturz durch "die Oberfläche der Dinge" sich sacht, in Etappen, gewissermaßen samtpfötig, und vielleicht ist es nicht einmal ein wirklicher Sturz, nur die unerbittliche Revision eines Lebensentwurfs. Pech für George ist greller instrumentiert. Das macht den Roman nicht weniger lesenswert, aber seinen Handlungsverlauf vergleichsweise voraussehbar.

Pech für das Buch, wenn man so will, dass es zum falschen Zeitpunkt erscheint. Nicht drei Jahre vor dem ultimativen Meisterwerk, sondern vier Jahre später. Aber das liegt wohl an den unabänderlichen Gesetzen des Marktes, nach denen der erfolgreichste Titel eines ausländischen Autors zuerst erscheint, der respektable Rest danach, gegebenenfalls.