Als der berühmte August Ludwig Schlözer mit seiner später gleichfalls berühmten Tochter, die damals noch fast ein Kind war, nach Rom kommt, trifft er dort neben anderen deutschen Schriftstellern und Künstlern auch Wilhelm Heinse, der sich bemüht, der frühreifen Dorothea die Kunstschätze der alten Kapitale zu zeigen. Vater Schlözer, wohl wissend, in welchem Ruf der Schriftsteller steht, ist schließlich ungehalten angesichts der vielen unbekleideten Gestalten: Diesem Statuengucken, so nörgelt er, sei er recht gram geworden, "es ist so viel Unzüchtiges dabei. Kein Wunder, daß alles in Italien huret".

Auch das gehört in die Geschichte der deutschen Italienbilder zwischen Goethe, dem Vater, Winckelmann, Moritz, Platen, Hehn und Borchardt. Aber die Rolle, die Heinse in dieser Folge in Korrektur und Ergänzung zu Goethes Italienischer Reise hätte spielen können, war ihm, außer für einige enthusiastische Leser des Ardinghello vielleicht wie auch einer Reihe von Reisebriefen, versagt: Die Skizzen, Notizen, Einfälle, Fragmente, Beschreibungen von Gemälden, Bildwerken, Landschaften, archäologischen, kunsttheoretischen, auch philosophischen Aufzeichnungen blieben, nachdem sie 1803, seinem Testament entsprechend, an den Freund Thomas Sömmering gegangen waren, um dann schließlich in der Frankfurter Stadtbibliothek zu landen, weitgehend unveröffentlicht. Erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erschien eine umfangreiche Auswahl aus den Studienheften als dreigeteilter Band im Rahmen der Heinse-Ausgabe von C. Schüddekopf, die A. Leitzmann unter einem irreführenden Titel publizierte.

Seither bediente man sich nach Bedarf und Interesse dieser Fundgrube von Beobachtungen und Einsichten, sei es, um die Kunstauffassung Heinses zu untersuchen, sei es, um seine Musikstudien zu dokumentieren, sei es, um Heinse als Antipoden zur Klassik vorzuführen. Es war an der Zeit, dieser willkürlichen und schwer überprüfbaren Behandlung ein Ende zu bereiten, und nachdem sich mehrere Versuche einer vollständigen Edierung des Nachlasses zerschlagen hatten, liegen nun die in mühseliger Arbeit erschlossenen Hefte, die zu vergilben drohten, vollständig vor, 200 Jahre nach dem Tode des halb vergessenen Mannes.

Wenn Heinse nun weder von seinen Streifzügen mit Dorothea Schlözer noch später von seinen Gesprächen mit Georg Forster in Mainz noch von denen mit Hölderlin in Bad Driburg etwas notiert, so zeigt sich eben darin, dass wir es fast nicht – nur auf der Reise in Italien – mit Tagebüchern zu tun haben, sondern mit Materialienheften, die denn auch nicht, wie man gemeint hat, Heinse als Aphoristiker zeigen, sondern einen genialen Fragmentisten, einen Autor der kleinen Form, ja sogar des Prosagedichts (avant la lettre und vor Jean Paul). Der Vergleich mit Lichtenberg ist recht verwegen, nur eben richtig, weil die Sudelbücher aus dem Nachlass stammen und beide, Heinse wie Lichtenberg, Außenseiter waren.

Einige Devisen, Ansätze zu einer aphoristischen Folge, machen auch aus Heinse keinen aphoristischen Schriftsteller; einseitig wie scharfsinnig zugleich, ist Heinse auch kein bedeutender Kritiker, wie man es vielleicht vermuten könnte bei allem Kunstverstand und sinn, bei allem Enthusiasmus, aller Kenntnis. Die Absage an den Winckelmannschen Klassizismus in seiner Einseitigkeit hat auch Moritz schon formuliert, aber Gemäldebeschreibungen wie die von Heinse hat keiner zustande gebracht, für die italienische Barockmusik, die Oper vor allem, gilt das Gleiche.

"Wenn ich", notiert Heinse, "ein Gemählde nicht mit dem ganzen Inhalt mir vorstellen kann, so soll ich mit meinem leeren Haupt etwas anders anschauen." Der Grundsatz ist charakteristisch, denn der klassizistischen Norm erwidert hier die Sicherheit der sensiblen Subjektivität. Manches erinnert auch schon an Stendhal und seine Notizen zu Bildern und Musik, eher jedenfalls als an Nietzsche, wie einige Leute dies auch haben sehen wollen, weil Heinse immer wieder auf eine recht krude Weise argumentiert und auf eine "Geschichtsauffassung" zurückkommt, der zufolge dem bedeutenden Manne alles erlaubt sei, dem Weibe vor allem aber, von ihm geliebt zu werden, der Masse lediglich, den Herrlichen zu dienen. Da ist Gesellschaft plötzlich wie Natur: Die großen Eroberer sind Zermalmer des Alten wie Pflanzer des Neuen, sie bringen die Menschen zurück an den Ursprung, in einen glücklichen Naturzustand. Das verleitet Heinse sogar dazu, die Natur kräftig zu korrigieren. Schwächliche Kinder empfiehlt er, gar nicht erst am Leben zu lassen und resümiert: "Der wahre große und verständige Mann lebt immer im Stande der Natur. Die Gesetze und alle die bürgerlichen Verhältniße sind nur für den Pöbel…" Heinse, der Erotomane, notiert sich auch, dass es außer dem Genuss und der Erinnerung an diesen keine Wahrheit gibt; Genuss freilich ist vor allem sexuelle Aktivität. Das Lesen erscheint ihm zuweilen als Unnatur, Goethe aber hat die Menschen "zur Natur gewiesen".

Von manchem, was den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts angehört, kommt Heinse nicht mehr los; die einfache These von guter Natur und schlechter Gesellschaft, die das Jahrhundert Rousseau verdankt, spukt noch in seinem Kopf, doch ist ihm die höfische Gesellschaft um den Kurfürsten in Aschaffenburg lieber als die der Mainzer Jakobiner. Jedoch ihm Widersprüche vorzuhalten wäre schulmeisterlich und billig obendrein. Es könnte in seinem Ardinghello stehen, wenn er die römische Republik als den herrlichsten Staat rühmt, den die Welt gekannt hat: "Sie ist gewachsen von Krieg und Raub, wie der junge Löwe." Als man sie dann gebändigt hatte, war es auch mir ihr aus.

Preis und Lob der erhebenden, befreienden Wirkung des Schönen