Ein guter Rat vorweg: Es ist dringend zu empfehlen, zuerst den neuen, zweiten Roman Jahreswechsel zu lesen, dann aber, unverzüglich, Beckersons Buch, das 1999 erschienen ist. Es war das erstaunliche Debüt des 1942 geborenen Schriftstellers und Theatermanns Gerhard Kelling. Erst beide Bücher, nacheinander gelesen, lassen nämlich erkennen, worum es Kelling geht und was er alles kann. Und das ist einiges.

Die jeweiligen Helden der beiden Romane, Walter Levinson und Hans Georg Kreuf, der sich auch selbst Hanskreuf nennt, haben das gleiche Schicksal erlitten. Sie sind von ihren Frauen verlassen worden. Zwar überraschende, dennoch eher friedlich vollzogene Trennungen, die nun erst einmal, wie es in der Sozialarbeit heißt, verarbeitet werden müssen. Hanskreuf, das jüngste Opfer, ist in dieser Hinsicht konsequent als Ich-Erzähler angelegt, während die Geschichte von Beckersons Buch, ebenso folgerichtig, über weite Strecken im Konjunktiv, von einem (auktorialen) Erzähler berichtet wird. Ausgerechnet in der Silvesternacht macht sich Hanskreufs Frau mit einem anderen davon. In der Folge versucht er zunächst in Hamburg, wo er lebt, dann auf einer ausgedehnten Reise zu den Ägäischen Inseln vor allem die Frauen, auf die er trifft und die ihm, nicht immer bereitwillig, zuhören, mit seiner (Leidens)Geschichte abzufüllen. In allen Einzelheiten erzählt er von den Folgen seines Verlusts, doch spricht er kaum von Schmerz oder Trauer, sondern meist von seinen aufwändigen Bemühungen, die Leere, die um ihn und mehr noch in ihm geblieben ist, mit Kneipenbesuchen, Gesprächen und Alkohol zu überdecken. Damit vergeht die Zeit. So füllen sich die Seiten. Nahezu ereignislos. Kelling versteht es allerdings, die tatsächliche Dramatik des Geschehens, die unter dem gleichförmigen Ablauf der Tage verdeckt bleibt, immer wieder spürbar zu machen. Nur gelegentlich, so bei einer nächtlichen Begegnung des Helden mit dem neuen Liebhaber seiner Frau, bei der es zu handfesten Auseinandersetzungen kommt, zeigt sich offen das wahre Ausmaß der Verletzung. Hanskreuf, der sich selbst als Frauenheld sehen möchte, ist vermutlich eine arme Sau. Wir können es nur ahnen. Nur hinter seiner Geschwätzigkeit klingt leise die Melodie des Schluchzens durch.

Kelling ist kein auftrumpfender, eher ein sanfter Erzähler, der subtilste Beobachtungen präzise beschreiben kann.

Jahreswechsel, der neue Roman, findet nun aber (leider?) seine konsequente Fortsetzung in Beckersons Buch, dem ersten. Gleiche Ausgangslage, doch eine völlig andere Entwicklung. Mit der Empfindsamkeit des besten Handke, in stilistischer Nähe zu Thomas Bernhard und mit dem unwiderstehlichen Sog kafkaesker Zwanghaftigkeit beschreibt Kelling einen Prozess zunehmenden Wahn-Sinns. Der Jahreswechsel steht, so gesehen, am Anfang einer Krise, die sich in Beckersons Buch zu einem ebenso faszinierenden wie entsetzlichen Schreckensszenario auswächst. Der Horror kommt auf leisen Sohlen.

Mit der Empfindsamkeit des besten Handke geschrieben

Der Wahn, der in dieser fast perfekten Erzählung Wirklichkeit wird, lässt sich aber auch als eine zeitspezifische Erscheinung erkennen. Kellings Figuren bezeugen, so unspektakulär wie eindringlich, den Preis der Liberalisierung unseres Sexualverhaltens und, damit einhergehend, die Lockerung unserer Bindungsfähigkeit. Der Single wird als Sozialfall vorgeführt. Sex and the City, nur weit weniger komisch. Den verlassenen Männern gehe es prächtig, so beteuern sie unaufhörlich. Würden sie weniger reden, man könnte es ihnen sogar glauben.

Gerhard Kelling, wahrlich kein junger Erzähler mehr, bleibt auch nach seinem zweiten Roman eine Entdeckung.