Das Brüllen hörten durch die Wände wir / Und steinerne". Die alte Frau stirbt schwer, wie ihr Leben war: Krieg, Trennung, Gestapo. Dann das Alter: "Ihre Augen, als ich auf den Topf sie setzte / will ich nicht beschreiben". Aber es ist ein kraftvolles Leben: "Und wie sie den Gestapomenschen anschrie!", mit einem unverkürzten Glücksanspruch: "Ich / Schnitt ihr die Fußnägel, das gefiel ihr." Bei einem Ausflug, mit dem Rollstuhl schon, will man sich im Tierpark mit dem Vorhandenen nicht abspeisen lassen: "Drei Elefanten warn zu wenig". Der letzte Vers dann: "Auf der Urne / Ein Schild, Aluminium, gestanzt der Name". Das Material ist billig, die Arbeit ist billig, aber es bleibt ein Individuum, und es entsteht ein Gedicht, vielleicht nicht dauernder als Erz, aber sicher nicht in Aluminium gestanzt, das Epitaph, das Karl Mickel 1968 schrieb.

Knapp dreißig Jahre später kehrt der Autor noch einmal zum Genre der Grabinschrift zurück. Epitaph. Altenglisch ist das letzte der Gedichte der Geisterstunde, und gestorben ist nicht nur ein Mensch, der dem Leben mehr noch hätte abgewinnen können: "Ein Narr, der fragt. Ein Narr, der Antwort gibt. / Was Wahrheit sei? Nach Wunsch und Wille je". Alles ist zweifelhaft geworden, Wahrheit, Schönheit, Recht. "Was Wirklichkeit? Du schaust die Grube ja jetzt. / Dies sage weiter. Setz kein Wort hinzu." Wie beweglich war noch das Epitaph von 1968, es gab die Erinnerung an Gelächter, an den Widerstand und den Kartoffelklau, es gab das Ausrufezeichen, Parenthesen und den Zeilenbruch. Und wie starr ist das Epitaph von 1997! Jede Zeile in zwei Hälften gleichgebaut, jede Zeile in sich abgeschlossen. Was noch zu sagen ist, ist Wiederholung einer Wahrheit aus sehr alter Zeit.

Karl Mickel war zur Seelenverdüsterung nicht vorbestimmt. In Dresden 1935 als Sohn eines Mühlenbautischlers geboren, bekennt er sich zur DDR, von ersten, recht parteilichen Gedichten (Lobverse & Beschimpfungen, 1963) aber rückt er bald ab. "Er ist gebürtiger Sachse und lebt als Marxist in Preußen", heißt ein gern zitierter Satz seines Freundes Rainer Kirsch, und zum Mickelschen Marxismus gehört die Förderung ausgeprägter Genussfähigkeit. Doch so frei sein Verhältnis zur DDR ist und sowenig er die Auseinandersetzung mit ihrer Kulturpolitik scheut – als Mitarbeiter von Ruth Berghaus ergeben sich manche Gelegenheiten –, der Untergang des Sozialismus trifft ihn.

Wie entschlossen Mickel auf das Neue einmal gehofft hatte, zeigt rückblickend Grundschule 2. Nach Tragelehn (1997), ein Prosastück über das zerstörte Dresden: "Da die Welt in Trümmern lag, bedrohte sie mich nicht; an den zerstreuten und durcheinandergeworfenen Bruchstücken ersah ich die Schönheit, welche aus ihrer gefügten Ordnung mich ausgeschlossen gehalten gehabt hätte. Gerechtigkeit hatte gewaltet, das ist: die Vergangenheit war begehbar geworden."

Im Februar 1990 inszenierte Ruth Berghaus Schillers Braut von Messina an der Freien Volksbühne Berlin, Mickel als ihr Dramaturg war für die Einrichtung des Textes verantwortlich. Einige Chorverse in seiner Anverwandlung nahm er 1999 in die Geisterstunde auf, einen Privatdruck in 50 Exemplaren, den Wallstein noch einmal für eine größere Öffentlichkeit herausgebracht hat. Die Präsentation dieser Verse ist mehr vornehm als handlich, besser ist dran, wer die komplette Bearbeitung besitzt, die die Deutsche Schillergesellschaft vor Jahren als ersten Band ihrer Marbacher Bibliothek publizierte. "Die Welt ist vollkommen überall / Wo der Mensch nicht hinkommt in seiner Qual", dichtete Schiller, die Idee einer glücklichen Natur festhaltend, die dem Menschen nach Überwindung des Sündenfalls sich wieder öffnen möge. Und Mickel: "Im Menschenleeren / Da ist gut sein. / Macht euch fort: / Alle!" Letzter Aufruf, die Geschichte zu räumen.

Manche der Distichen aus der Wende, Der Oktober, sehen heute weniger eindrucksvoll aus. "Großdeutschlands Grundstein, man weiß es, ward in die Mauer vermauert", das ist wohl doch nicht so sicheres Wissen; die Herbstdemonstrationen 1989 als Dämonstrationen zu betiteln ist ein zu fixer Gebrauch der Ambivalenzen. Weiter führt der Radwechsel von 1992, natürlich den Brechtschen aufgreifend: Das Fahrrad ist mit Schaltung und Laufrädern auf den neuesten, den westlichen Stand gebracht, das Licht stammt noch aus dem vorigen Leben: "So fahre ich fort."

Im Sommer 2000 ist Mickel gestorben, mit 65 Jahren. Der Tod hat ihn immer beschäftigt, die Kunst war auch ein Zeichen dagegen, ein Mittel der Freiheit gegen die Notwendigkeit, der Form gegen den Zerfall, der Geschichte gegen die Erinnerungslosigkeit. Das Alter (1994/96/97) spricht von der Selbstbehauptung: "So beginne ich das sechzigste Jahr meines Alters / Das dreißigste Jahr der vernichteten Hoffnungen / Das fünfte Jahr der Aera Lenae". Es gibt ein Leben jenseits geschichtsphilosophischer Hoffnungen. Das Ich raucht weniger, trinkt weniger, liebt mehr und hat "(Tennis:) den Aufschlag verbessert". Und die Geschichte? "Mein Trost sind die Naturgesetze / Schrieb Brecht; ich ergänzte: / Auch die Kanaille muß sterben".

Wie vielleicht nur noch Peter Rühmkorf hat Mickel die (vor allem deutsche) Literaturgeschichte gesichtet und genutzt, und in der Fortführung ihrer Formen und Motive historisch gefühlt. Ein Mann schmelzender Sinnlichkeit war er nicht, gelegentlich ist er auch der Gefahr einer alexandrinischen Gelehrsamkeit erlegen, Literatur als Spiel der Eingeweihten zu spielen. Schwerfällig wurde er darüber nie. So hat er auch den berühmtesten Vogel der Lyrik, den Raben Poes mit seinem düsteren Quoth the Raven Nevermore 1998 noch einmal herbeihüpfen lassen. Der kommt zu "Besuch" nur, in einer Minderform, mit der aktuellen mediterranen Leichtigkeit, aber er erinnert daran, dass solche Leichtigkeiten nicht das letzte Wort sein werden: "Ich bin die Krähe / Mein Name ist Arrividerci / Ich soll sie grüßen von meinem / Großen Bruder dem Raben / Nevermore."