Dieses Buch ist so etwas wie ein Nachruf geworden, den der Autor sich selbst geschrieben hat: Günter Seuren ist in der Nacht zum 11. Dezember letzten Jahres gestorben, knapp nachdem er die Arbeit an seinem Roman beendet hatte, der eine Geschichte vom Sterben ist. Auch wenn von Vorahnung oder gar Vorauswissen des Schriftstellers keine Rede sein kann – denn sein Herztod kam plötzlich –, wird nun die Lektüre von der Todesnachricht schattiert. Denn die Erzählung ist eine große Phantasmagorie über Tod und Todesgrausen, über einen Katastrophenfall der schaurigsten Art, und schon das von Sartre entlehnte Motto könnte wie ein Zuspruch verstanden werden, den ein Moribunder sich selbst gespendet hat: "Gleitet, ihr Sterblichen, lastet nicht."

Das Gleiten aber wird für das Buch zu einer nicht tröstlichen, sondern eher zynischen Metapher. Günter Seuren erzählt einen alten Vorfall. Eine Geschichte aus mehreren Schichten, die nun neu übermalt werden, im genauen Sinn des Wortes. Der Ich-Erzähler ist ein Maler, ein virtuoser Bildfälscher, der von einem ebenso virtuosen Orthopäden, als Gegenleistung für eine Handoperation, den Auftrag erhält, für das Empfangszimmer der Klinik einen Hingucker zu kopieren: Théodore Géricaults Kolossalgemälde Das Floß der Medusa, das 1819 in Paris für einen der größten Kunstskandale gesorgt hatte, weil es nicht Kunst, sondern "Körperwelt" war. Der Titel war keine Anspielung auf die Antike, sondern bezog sich auf die provokativ-realistische Darstellung eines Schiffbruchs, der wenige Jahre zurücklag.

Die böse Geschichte einer anderen Arche Noah

Die Medusa, ein französisches Luxusschiff auf dem Weg in die Kolonien, war weit vor der Westküste Afrikas auf eine Sandbank aufgelaufen. Während sich die Schiffsführung, die reichen Passagiere und die Frauen in die Rettungsboote begaben, wurde für die übrigen etwa 150 Menschen ein Floß aus Bordmitteln gezimmert, das von den Booten in Schlepp genommen werden sollte. Aber nach kurzer Zeit wurden die Taue gekappt, die Schiffbrüchigen ihrem Schicksal überlassen: sengender Sonne, Durst, Hunger, Panik, Brutalität und beginnendem Kannibalismus. Die meisten gingen über Bord: geschubst, freiwillig, entkräftet. Die Stärksten klammerten sich an den Mast. Dass überhaupt jemand überlebte, wurde nicht bejubelt, denn so erst wurde der makabre Vorfall, das Versagen der Schiffsführung, publik.

Ein Stück Kolportage also (wie es Seuren gelegentlich als Motor seines Erzählens liebte). Aber auch eine Mythologie des Entsetzlichen, die böse Fabel einer anderen Arche Noah. Géricault hatte das Floß der Medusa plakativ zum Floß der Medusa gemacht, zu einem Gemälde, das nicht mehr Gemälde sein wollte, sondern Appell, Darstellung des Unvorstellbaren. Und Seurens Fälscher versucht sich nun an einem weiteren Akt dieser Tradierung des Grauens. Was als Trivialisierung beabsichtigt war – für die Wand einer Privatklinik! –, wird zu einem Forschungsvorgang: Der Maler reproduziert nicht nur die Details und Leichenteile des Originals (die sich Géricault aus den Anatomien von Paris zu beschaffen wusste), er wird selbst, mit jedem Pinselstrich mehr, in die eigentliche Katastrophe hineingezogen. Er erfährt durch seine Arbeit, wie der rettende Mast, an den die Stärkeren sich klammern, zugleich das Zentrum der Erniedrigung ist, der Ort, wo der Überlebenswille tierische Gewalt wird.

Funkelnde Sätze, sarkastische Eleganz

Aber dann kommt ihm eine Idee: Der Maler will nicht nur kopieren, er will so etwas wie Trost ins Bild hineinfälschen. Gab es keine Frau auf dem Floß? Hat Géricault in seinen Vorstudien nicht einen Frauenkörper skizziert zwischen die Männerleiber? Nun wird aus der detailtreuen Kopie ein neues Werk. Während auf der Kolossalleinwand für den Schickimicki-Mediziner die weibliche Figur Gestalt annimmt, tritt auch ins Leben des vereinsamten Kopierkünstlers eine Frau, wenn auch nur eine halbe (er muss sie mit einem Ehemann teilen). Das Ewigweibliche zieht uns wenigstens nicht vom Floß.

Denn am Ende ist es fast nur noch das Floß der Medusa, das alles trägt: den Maler-Fälscher, die Story selbst und das Interesse des Lesers. Um das einsame Haus des Künstlers wabert eine gespenstische Wirklichkeit mit Altnazis und Waffenhändlern, Landstreichern und Grabschändern. Es ist, als sei das Atelier umgeben von einer düsteren Ewiggestrigkeit, die schauriger ist als alles, was selbst auf einem Floß im Atlantik sich ereignet hat.