Selbstvergessen zieht die Frau ihren Pullover aus. Das Shirt darunter ist kurz, ihr schlanker Bauch ist zu sehen und ihre makellose junge Haut. Mit einem Ausdruck müden Hochmuts lässt sie sich auf die Récamiere fallen und versenkt sich in ihre Studienhefte. "Das war nur ein Moment…" – Manfred Krugs Innigkeit von einst, vor 40 Jahren auf eine Amiga-LP gepresst, erfüllt den Raum. Schön ist, was lange her ist. Das Mädchen hinter der Bar trägt Faltenrock und Gesundheitsschuhe, die Klemme im Haar macht den Retro-Glamour perfekt. Das Café Wohnzimmer am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg rehabilitiert das deutsche Wohnzimmer als Sammelsurium von Merkwürdigkeiten. Biedermeier-Stühlchen aus dem Fundus, falsche Rokokosessel, eine beigegraue DDR-Interhotel-Polstergarnitur. Der Trödel hat Poesie, mildtätig werfen die Ahnen ihre Schatten auf die Blößen der Jetztzeit. Im Café Wohnzimmer lebt man zweimal, gestern und heute.

Da sehe ich das Kind, honigblond, mit breitem Lachen. Seine Mutter ist eine märchenfeeähnliche Erscheinung, irgendwas zwischen Gruftie und Hippie, in ihrem dunklen Zopf steckt eine Stoffrose, das lange schwarze Kleid unter dem Spitzenumhang hat ein Rosenmuster. Sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft, auf ihrem Tisch steht ein großes Frühstück.

Es ist so romantisch hier, sagt Oriette Juschak, die einen Secondhand-Kleiderhandel betreibt. Der Laden heißt Schneewitte, allerdings sei stets die böse Königin ihre Favoritin gewesen. Herzhaft beißt sie ins Mohnbrötchen: Gestern war ich bei einer Auflöse in Kreuzberg, eine alte Opernsängerin. Da sitzt man allein in der fremden Wohnung und sieht die Fotos an, die Kleider, die Wäsche, den Schmuck, ein ganzes Leben liegt vor dir. Ein nicht eingelöstes Rezept von 1962 war dabei, ich habe die Telefonnummer angerufen, da meldete sich tatsächlich eine Arztpraxis. Es ist ein Sog, ich kann an keinem Trödler vorbeigehen, alles Alte muss ich sammeln. Ich lasse die vergessenen Theaterkarten in den Abendtäschchen, wenn ich sie zum Verkauf rauslege, die Handspiegel, die Münzen von damals; die Taschentücher werden gewaschen und kommen wieder hin, wo sie waren.

Frau Juschak, die zwischen Mitte und Ende dreißig sein mag, erzählt, dass sie ein Nachkömmling war, gezeugt beim Pilzesammeln in den Mecklenburger Wäldern, und dass ihr Vater den Namen Oriette in einem Filmabspann gelesen hatte. Bis zur Wende arbeitete sie als Sekretärin, dann sattelte sie um. Der Laden ist meine absolute Erfüllung, sagt sie, zu Haushaltsauflösungen fahren, in alten Sachen rumkramen, dafür nehme ich Geldsorgen gern in Kauf. Manchmal nervt es, bemerkt das Kind, auch zu Hause liegen überall alte Sachen rum. Die Mutter lacht, ihre vollen Lippen sind karminrot geschminkt: Zu Hause sieht es genau aus wie im Laden, Geschirr- und Wäscheberge von den Auflösungen und alle Zimmer dekoriert; mein Freund ist sehr tolerant.

Was ist wichtig, heute, in diesem Moment? frage ich. Dass ich nicht im Schneiderkostüm in einem Büro sitze und bitten muss, ob ich mal für ’ne halbe Stunde weg darf. Dass ich mit Johanna an ihrem zwölften Geburtstag hier frühstücken kann. Ich muss Ihnen unbedingt noch mein Lieblingssofa zeigen. Frau Juschak führt mich ins Hinterzimmer. Das Möbel ist bemerkenswert. Ein Verlobungssofa. Man sitzt zu zweit, dicht an dicht und doch Auge in Auge. "Das war nur ein Moment, nur ein Augenblick, dass ich in deine Augen sah…" – die Platte ist lange zu Ende.