Hektik waltet am Geburtsort der westlichen Philosophie: Am 13. August sollen in Athen die Olympischen Sommerspiele beginnen. Noch ist das zentrale Stadium eine Baustelle, andere Bauvorhaben werden wohl trotz 24- Stunden-Betriebs nicht rechtzeitig zu vollenden sein. Der Ethikrat rät zur Besinnung auf zeitlose athenische Tugenden.

Wir hatten es geahnt. Athen wird nicht fertig. Immer dicker rinnt der Schweiß von der Organisatorenstirn, sei es aus Anstrengung oder Angst. Die Olympiastadt sieht sich bis zum 13. August einer Aufgabe gegenüber, die das Menschenmögliche übersteigt. Indes habe der angeflehte Zeus, wie vertrauliche Quellen berichten, wiederholt unwillig abgewinkt, und selbst von Delphis Orakel lässt sich nichts vernehmen als ein raunendes "Höher, weiter, schneller!" Wo Götter sich zieren, ist der Ethikrat gefordert.

Und wie nahe läge es ihm, angesichts der peinigenden Terminnot, dem Schmerz öffentlichen Versagens und der unscharfen Anschlagsangst einmal mehr die Stoa hinzuziehen und heitere Gelassenheit anzumahnen. Athen, Wiege unserer Kultur, wird sich doch wohl nicht wegen ein bisschen Sport aus dem Rhythmus bringen lassen. Doch hieße solch stoischer Gestus nicht nur, olle Eulen in die Heimat tragen, sondern auch, ein eigentliches Übel zur Lösung zu verkehren. An Gelassenheit hat es Athen in den letzten sieben Jahren gewiss nicht gemangelt. Überhaupt scheint Athens Terminproblem gänzlich an philosophischen Einsichten vorbeizugehen. Gefragt scheint vielmehr die pragmatische Fuchsschläue des Athleten Odysseus, der sich noch jeder kritischen Situation mit entschlossener Gewitztheit zu entledigen wusste. Was aber macht der Fuchs, wenn er in der Falle steckt? Er beißt sich ein Bein ab.

Haben wir doch schon!, schallt es aus Athen zurück. Das Schwimmstadion bleibt unüberdacht, Probewettkämpfe wurden gestrichen, manche Zufahrten werden wohl für ewig auf der Strecke bleiben, wohingegen das Sicherheitsbudget im Stundentakt erhöht wird. Wir schaffen sie trotzdem nicht, die sicheren Spiele.

Einmal so ehrlich verzweifelt, bleibt nichts anderes als produktiver Zynismus. Von Diogenes, dem weisen Hundephilosophen, wird folgende Geschichte berichtet. Als sich seine Stadt wieder einmal von einem übermächtigen Feind bedroht sah – und jeder im Herzen wusste, wie zwecklos der Widerstand am bitteren Ende sein würde –, sich das gesamte Gemeinwesen aber dennoch in einem Gewusel aus Barrikadenbau und Wehrertüchtigung erging, stand Diogenes inmitten der Agora und kratzte sich am verlausten Bart. Seine Tatenlosigkeit währte indes nicht lange, denn auf einmal begann der Taugenichts, sein legendäres Wohnfass mit sportlichem Höchsteinsatz einen nahe gelegen Hügel hinaufzurollen, gerade so, als laute die Parole "Philosophen trainieren für Olympia". Nach dem Sinn seiner Aktion befragt, gab Diogenes zur Auskunft, es habe ihm niemand in der Stadt eine Aufgabe zuweisen wollen, er aber habe das deutliche Gefühl gehabt, in solch bedrängter Situation auch etwas tun zu müssen.

Zugegeben, ein Rat ist das nicht. Aber ein erster Hinweis. Im Geiste des Diogenes möchte der Ethikrat deshalb alle Olympiazyniker auffordern, sich noch heute ein großes Fass zu kaufen, es randvoll mit Wein zu füllen, selbiges auf den Olymp zu rollen und die Jugend der Welt am 13. August dort heiter zu empfangen. Beim Dionysos, das gäbe ein Fest! Und wer nach fröhlichem Gelage immer noch auf Wettstreit sinnt, der möge sich an den Kultstätten von einst im ehrlichen Kampfe messen. Die stehen nämlich schon. Im Rausch des eigenen Körperkönnens würde sich dort zweifellos erweisen, dass es auch ohne Sponsorenlounge, Superzeitlupe und Totalüberdachung geht. Zum guten Ende bliebe am Austragungsort nicht nur der Seelenfriede, sondern womöglich sogar der olympische Geist gewahrt.