Irgendetwas an Charles Lloyd ist irritierend. Sind es seine selbstbewussten, leicht nebulösen Statements, oder ist es die altbackene Jazzregel, nach der jeder Ton lebensnotwendig sein sollte? Sind es die Hippie-umflorten Love-in -Langspielplatten der sechziger Jahre, die ihn mit Forest Flower als ersten Jazzmusiker 1966 die Millionengrenze durchstoßen ließ, ein Bandleader, der Mitmusiker wie Keith Jarrett und Jack DeJohnette zum Tragen von Blumengewändern zwingen wollte? Waren es sein Haus in Carmel in Big Sur, seine Erbschaft oder Maklergeschäfte, die den Jazz zum Hobby erklärten?

Der 1938 in Memphis in begüterten Verhältnissen geborene Charles Lloyd bleibt ein Rätsel, überwältigt doch jede seiner Aufnahmen seit 1988 durch glasklare Schönheit, durch ein traumverlorenes Zusammenspiel von Musikern, die zur Crème du Geschmack gehören. Entweder stammen sie aus der ECM-Schule wie John Abercrombie, Anders Jormin oder Bobo Stenson, oder sie tragen den Edle-Schokolade-Aufkleber wie Brad Mehldau. Aus der Art schlagend und so gar nicht ins Ambiente der Vorurteile passend, erweist sich dagegen die Lloydsche Liebe zu Billy Higgins, einem Schlagzeuger, den man den aufregenden fünfziger Jahren zurechnet, dem revolutionärem Ornette Coleman Quartet, dessen Namen man mit zu viel Drogen und zu wenig Anerkennung verbindet. Wenige Monate vor dem Tod von Billy Higgins – er starb am 3. Mai 2001 im Alter von 64 Jahren an Leber- und Nierenversagen – entstanden die Aufnahmen zu Which Way Is East, die jetzt als Doppel-CD veröffentlicht wurden, ein großes jubelndes Memento mori, Erinnerung als Gegenwart. Billy Higgins, nach erfolglosen Lebertransplantationen ständig geschwächt, packte alle seine Trommeln, Gongs, Flöten, Rasseln, seine afrikanischen Saiteninstrumente zusammen und zog für eine Woche in das Haus von Charles Lloyd in der Nähe von Santa Barbara. Der antwortete mit Tenorsaxofon, Flöten, Klavier, tibetischer Oboe und dem lange vernachlässigten Altsaxofon – ein großes Duo. Doch nicht nur zu zweit spielten sie, da waren vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig, vierundsechzig zu hören – alle jene Musiker, mit denen sie einmal gespielt hatten.

Natürlich öffnen sich da Türen, durch die einst John Coltrane mit seinen Love-Supreme- Hymnen gegangen war, gefolgt von afrikanischen Trommelritualen, arabischen Melismen und dem Blues, mit der Gitarre in der Hand: dreißig Stücke, die zu einer Wanderung durch die Jazzgeschichte werden. Mit der Zeit verwischen sich die Grenzen, wer da was auf welchem Instrument spielt, sie sind als magische Einheit zu hören. "Ich habe nicht gesagt, dass ich hier sein werde, aber ich werde immer mit dir sein", sagt Billy Higgins zu Charles Lloyd, das letzte Gespräch findet sich im Booklet abgedruckt.

Wenn Billy Higgins singt, singt ein junger Mann. Es ist die innere Stimme des Schlagzeugs, die da klingt, das sonst Stumme wird plötzlich hörbar. Sein verspielter melodischer Swing, der abheben lässt und mitträgt – Sonny Rollins wie Thelonious Monk, Dexter Gordon wie Don Cherry profitierten davon – ist auch hier so sprudelnd, dass sein Todesdatum vier Monate nach dieser Aufnahme wie ein Druckfehler wirkt. Sein Kosename "Smiling Billy" bezog sich nicht nur auf sein Wesen. Und Charles Lloyd? Selten hat man ihn so entspannt konzentriert, so frei gehört. Wie in einer späten Allianz von John Coltrane und Ornette Coleman bewegt er sich auf dem Altsaxofon, von allen Zwängen befreit. Fröhlich im Sinn, vergeistigt im Gestus und klar im Ton – Dancing In Your Head nannte sich einst ein Album Ornette Colemans, hier ist der Ort dafür.

Auch Charles Lloyd hatte sich mehrfach von der Jazzszene zurückgezogen, 1970 für zehn Jahre, dann wieder 1982, nach kurzem Auftauchen mit Michel Petrucciani, krank, genesen, dem Tode nah, durch Meditation und Natur geheilt. Er hatte die spirituelle Ruhe und musikalische Inspiration im Osten gesucht ("Start east to go west"), nun hat sich die Richtungsanweisung in eine Frage verwandelt und ist zum Grabspruch geworden: Which Way Is East.

"Wir kommen hier auf Erden vorbei, singen unser Lied, keiner kennt uns, und wir sind wieder gegangen", spricht Charles Lloyd. Und Billy Higgins sagt: "Hey man, hier sitzen zwei Typen, sitzen auf der Spitze des Berges. Du sprichst vom Ende der Reise – die Reise hat gerade angefangen." Man braucht zwei so verschiedene Stimmen, um solch einen Kosmos des Jazz zu schaffen.

Charles Lloyd/Billy Higgins: Which Way Is East
(ECM 1878/79, 2 CDs)