Die Sängerin krallt sich in die Knopfreihen des Akkordeons, Augen zu und durch, ihre Stimme hat die Wucht einer Propagandistin. "Jedem, jeste jedem, druhej jako jeden, svedem co svedem" – "Wir fahren, weiter, immer weiter, jeder soll weiter, immer weiter", singt Raduza. An drei aufeinander folgenden Abenden ist die derzeit bekannteste Songwriterin Tschechiens in der Prager Balbinova Poeticka Hospudka zu Gast. Der Literatur- und Folk-Club, nur ein paar Meter abseits der touristischen Einfallwege gelegen, ist einer der Orte, an denen die junge tschechische Musikszene ihr neues Selbstbewusstsein probt.

Womöglich hat diese Szene mit Raduza gerade ihr erstes role model in die Welt gesetzt: Junge Städterin mit traditionellem Hintergrund skandiert postkommunistische Sehnsuchtsmelodie. Für 10.000 verkaufte Exemplare ihrer letzten CD erhielt Raduza eine goldene Schallplatte, kurz zuvor waren ihr drei tschechische "Grammys" verliehen worden. Raduza hat Komposition am Prager Konservatorium studiert, Theatermusik geschrieben, sie ist in einer Band aufgetreten. Wenn sie ihre minimal chansons zu Gitarre oder Akkordeon singt, entfesselt sie Urgewalten.

Die Besucher in der Balbinova rücken zusammen, ein Pärchen wartet am Eingang auf die Künstlerin mit einem selbst gebastelten Geschenk. In das Notizbuch könne sie doch ihre neuen Songs eintragen, auf dem Cover steht schon "Raduza" geschrieben. Später bei Jedem wippen viele mit den Köpfen. Irgendwann jedoch kippt der Song, darüber möchte die Sängerin im Interview aufklären: "Jedem ist ein Lied darüber, dass wir alle immer nur Spaß haben wollen, aber eines Tages müssen wir die Rechnung dafür bezahlen.".

"Es dauerte fast eine Generation nach dem Ende des Kommunismus, bis solche Folksongs wieder gesungen werden konnten", sagt der Prager Journalist und Pop-Dozent Peter Doruzka. "Die Leute entdecken ihre eigenen Traditionen." Volkslieder, die zu Zeiten des Kommunismus als stabile Systemkunst zu dienen hatten und von der dissidenten Intelligenz unbeachtet blieben, erleben eine Renaissance. Nach der samtenen Revolution 1989 herrschte eine Art Jetzt-aber-wir-Stimmung. Jeder wollte ein Kapitel am Neuen mitschreiben, aber was war das Neue eigentlich?

Offenkundig bediente es sich großzügig der Symbolik des Rock ’n’ Roll, die Rolling Stones, persönliche Freunde des neuen Präsidenten Václav Havel, spielten für die Tschechen, alte Kinos und Lagerhallen wurden zu Konzertarenen umgebaut, Musikclubs mit staatlicher Unterstützung eröffnet. Das große Warenhaus des Kapitalismus führte bald die Instrumente, mit der die gerade aktuelle Pop- und Rockmusik nachgespielt werden konnte. Tschechischsprachiger Pop und Rock ist inzwischen eins der drei beherrschenden Marktsegmente in der neuen Tonträgerwirtschaft geworden, neben anglo-amerikanischem Mainstream und Country-Musik.

Im Ausland war Cesky Pop bislang kein Thema

Prag im Frühling 2004. Der Touristenstrom schiebt sich über den Wenzelsplatz und die engen Gassen am Staromestské Namesti einmal durch das Herz der alten Metropole und wieder zurück. Und trifft am Eingang zur Karlsbücke auf den anderen großen Strom, die Moldau. Goldgräberstimmung in der Goldenen Stadt: Es wird eröffnet und renoviert, Fassaden werden schick gemacht, Stände mit Kafka-Devotionalien eilig aufgebaut. In Prag spielt die Popkultur an allen Ecken und Enden. Die Stadt zieht seit Jahren die großen Namen an, sagt der Gitarrist Petr Filak, und er zählt Peter Gabriel, Robbie Williams und David Bowie auf.

Im Ausland war Cesky Pop bislang allerdings kein Thema. Diejenigen tschechischen Bands und Ensembles, die sich auf europäischen Bühnen durchsetzen konnten, variierten über dem lyrischen Grundton, der so viele kulturelle Erzeugnisse des Landes geprägt hat, als bräuchte Tschechien einen Überbau des Gefühlvollen, so hart eingebettet zwischen den alten Gegensätzen Ost und West. Die Musik der besten neuen Bands ragt jetzt ins Kosmopolitische, das Spiel mit den Soundfarben und Phonemen ist eröffnet. In den mäandernden Liedverläufen des mährischen Cello-Duos Tara Fuki sucht sich die Sehnsucht ihr Idiom und ihre Melodie. Hier ein Song in Tschechisch, dort einer in Polnisch oder Französisch, und wenn am Ende keine Sprache mehr gesprochen werden kann, erfinden die Musiker einfach eine.