Wenn Lokalblätter in Minneapolis von einem prominenten Mitbürger berichten, der vor Supermärkten verdutzten Passanten den Wachtturm in die Hand drückt, dann sind sich die Kommentatoren schnell einig: Der spinnt, dieser Prince. Genauso wie Michael Jackson, der kürzlich von den Zeugen Jehovas zur Nation of Islam gewechselt ist, Madonna, die aufgrund jüdischer Kabbala-Lehren freitags keine Konzerte mehr gibt, oder der vom Black Moses zum Scientologen konvertierte Isaac Hayes… Die Liste scheinbarer Verwirrungen ließe sich noch lange fortsetzen. Und doch: Die Logik des Pop gibt ihnen Recht. Schließlich lebt die Show schon immer von der Religion, brauchen schillernde Identitäten auch schillernde Glaubensbekenntnisse.

Erst recht einer wie Prince Rogers Nelson. Dabei erscheint sein neues Album Musicology im Gewand der Läuterung: Prince heißt endlich wieder Prince – vorbei die Zeiten, als er glaubte, sich hinter Pseudonymen wie Symbol oder TAFKAP verstecken zu müssen. Vergessen auch der Gebrauch von Schmuddelsprache, das Propagieren von Drogen und außerehelichem Geschlechtsverkehr. Der einstige Erotomane lässt die Hüften nur noch in der Ehe kreisen. Was aber dürfen wir von einem geläuterten "sexy motherfucker" erwarten? Schließlich brillierte das Gesamtkunstwerk Prince in der Vergangenheit nicht zuletzt durch die Schaffung fantastischer Welten erotischer Freiheit und Selbstfindung, drang der Künstler mit metaphysischem Aplomb noch in bizarrste Lustzonen vor. Dort, wo sich Porno und Psychoanalyse gute Nacht sagen.

Wenn es in den letzten zehn Jahren still um ihn geworden war, lag das nicht zuletzt an den Fallstricken der eigenen Eitelkeit. Prince hatte mit seinem Label Warner den wohl besten Plattenvertrag aller Zeiten ausgehandelt: 60 Millionen Dollar für sechs Alben. Wegen eines Streits um die Rechte an seinen Songs inszenierte sich der Superstar dennoch als Opfer: Er schrieb sich slave auf die Stirn und lieferte, um sein Label zu ärgern, nur noch Drittklassiges ab. Der genialische Glanz solcher Jahrhundertwerke wie Kiss oder Sign O’The Times – er drohte in einer nicht enden wollenden Selbstfindungskrise ihres Autors auszulaufen. Zudem erwies sich Prince’ neue Plattform im Internet als Seifenblase: Nur wenige Fans waren bereit, 25 Dollar dafür zu investieren, sich auf Lebenszeit die Ergüsse des Meisters aus dem Netz laden zu dürfen.

Eros und Heiliger Geist stoßen bei Prince ins gleiche Horn

Wenn Prince sich nun wieder in die Fänge der Majors begibt, mag man das als Eingeständnis seines Scheiterns lesen. Andererseits: Musicology ist einfach zu gut, um der breiten Öffentlichkeit vorenthalten zu werden. Irritierte der Pop-Exzentriker in letzter Zeit mit ausufernder Jazz-Fusion und wirren Religionstraktaten, scheint das neue Album endlich dem fortgeschrittenen Alter des Narziss Rechnung zu tragen. Einmal dreht Prince zwischen den Songs an einem imaginären Radio, aus dem seine alten Hits rauschen. Wehmütige Rückschau für die mit ihrem 45-jährigen Idol gealterten Fans? Nein, Prince klagt nicht, bereut nichts. Geändert hat sich nur die Perspektive. Da zelebriert der Mann, der einst in G-Strings auftrat und auf der Bühne nonstop den Geschlechtsakt simulierte, die Wonnen ehelicher Zweisamkeit. Und pocht auf so bürgerliche Tugenden wie Handwerk und Tradition.

Schon der Titelsong gibt die Richtung vor: Zurück zum Funk! Nicht nur zitiert Prince im trockenen Groove von Musicology seine Vorbilder James Brown und Sly Stone. Der Allroundmusiker – er spielt wieder alle Instrumente selbst – geißelt hier auch die aktuellen Auswüchse des Showgeschäfts von Lippen-Synchronisation bis Hit-Sampling. Die gute alte Zeit, sie klingt dann doch wie eine Sammlung von Outtakes aus früheren Prince-Alben. Bläsergetriebener Southern Soul (Dear Mr. Man), Herrlich stammelnder Funk-Rotz (Illusion, Coma, Pimp & Circumstance), Quietschende Synthies über Rockriffs (Life O’ The Party). Vor allem aber Balladen (Call My Name, On The Couch), die zeigen, dass der Songwriter Prince nichts verlernt hat. Sogar die Kunst der Andeutung beherrscht er inzwischen: "Ich werde sie über meinen Klavierhocker legen und für sie singen…"

Mag Prince’ neue Züchtigkeit, sein Eheschluss wie der Beitritt zu den Zeugen Jehovas tatsächlich einem Versprechen am Sterbebett seiner Mutter geschuldet sein – seine religiöse Botschaft sprengt dann doch kaum den Rahmen popüblicher Heileweltbeschwörungen: In Songs wie Dear Mr. Man etwa bittet er um Drogenverzicht, ein Ende des Irak-Kriegs und die Schonung der Umwelt… Das kann Prince-Fans kaum erschüttern. Pflegte Mr. Lovesexy seine wollüstigen Botschaften nicht regelmäßig mit Querverweisen zum Allerhöchsten zu garnieren?

Jehova hin, Gott her – mehr als Prince’ Wachtturm- Verkaufspflicht hat ihn die schwarze Kirche geprägt. Seine zwischen Sünde und Erlösung oszillierende Mythologie verdankt sich im Grunde einer Neudefinition des Gospels. "Er erinnert mich an Duke Ellington, James Brown, Charlie Chaplin", hatte Miles Davis einst über den Eklektizismus des jüngeren Kollegen gesagt. "Aber es ist dieses Kirchending in seiner Musik, das ihn auszeichnet."