Doch der Hahn bleibt zu. Obwohl Chefsache im Rathaus, darf der Geysir der Stadt Andernach nicht zu Geo-Glamour verhelfen. "Da ist viel Herzblut mit drin. Ich verfolge das seit meiner Kindheit. Mein Traum war immer, das Ding mal springen zu sehen", sagt Achim Hütten, Oberbürgermeister der Kleinstadt am Rhein. Und Michael Knopp, Geschäftsführer der regionalen Vulkanpark GmbH erhofft sich "Leuchtturmfunktion": 100000 Besucher jährlich soll die Rekordfontäne am Rhein anlocken. Das wären mehr als bei all den anderen 23 geologischen Sehenswürdigkeiten des über den Landkreis Mayen-Koblenz verstreuten Vulkanparks zusammen. Beraten von den Vätern des Bremer Universum-Science-Centers, plant Andernach einen Pavillon als populärwissenschaftliches Präludium zum Sprudel-Sprung. Von dort würde ein Pendel-Schiff Besucher zur Halbinsel bringen – und danach wieder zurück in die Arme der Andernacher Gastronomie.

Doch statt Hydrogeologie-Anschauung gibt es nur heimliche, handgesteuerte Entlastungssprünge. Anfang November 2003 gab das Oberverwaltungsgericht Koblenz einer Beschwerde des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Rheinland-Pfalz statt. Die Naturschützer hatten Widerspruch eingelegt gegen den bereits genehmigten Plan der Stadt Andernach, auf dem Namedyer Werth um das Bohrloch ein flaches, ellipsenförmiges Amphitheater für Geysir-Gäste zu bauen. Das Naturschutzgebiet, so die Koblenzer Richter, könne durch das Vorhaben "möglicherweise irreparablen Schaden nehmen". Die Bürger sahen das anders. Nach dem Urteil zürnten sie in der örtlichen Tageszeitung: "Furchtbar!" – "Das ist doch ein Dreckloch." – "Die Masse der Leute will lieber den Geysir sehen, statt Fledermäuse und Ratten."

Besucherströme schlügen Pirol und Eisvogel in die Flucht

In der Tat ist die Idylle nicht frei von Beeinträchtigung. Wenn nämlich der Strahl langsam dünner aus dem Boden schießt, dringt etwas durch das Rauschen des Wassers ans Ohr: Auf der anderen Seite der Halbinsel tuckern schwere Rheinkähne vorbei. An der Landseite der so genannten Rheinlaache, einem oft monatelang vom Hauptstrom abgeschnittenen Seitenarm, donnern Intercitys der Strecke Köln–Koblenz. Vor allem aber führt, auf einem aufgeschütteten Damm und auf Betonpfeilern, die Bundesstraße 9 der Länge nach über das Werth.

Dennoch beschreibt die Umweltverträglichkeitsstudie, welche die Stadt vor zwei Jahren für ihren Antrag bestellt hatte, das Naturschutzgebiet als ein Kleinod. Eisvogel, Schwarzmilan, Pirol, Gelbspötter, Klein- und Grünspecht, 70 Vogelarten kommen dort vor, die Hälfte davon brütet auf dem Werth. Sämtliche Fledermäuse, die sich in den Asthöhlen des alten Baumbestandes angesiedelt haben, zählen zu den streng geschützten Arten. Die Halbinsel und ihre Rheinlaache gelten als "Trittstein", als Rastplatz für Zugvögel. Weil die Halbinsel am Rheinkilometer 615 aber mit 21 Hektar viel zu klein sei, um den Vögeln bei Besucherlärm genügend Fluchtraum zu bieten, würde der Geysir-Betrieb die Tiere vertreiben, fürchtet BUND-Vertreter Thomas Brötz.

Die Genehmigungsbehörde dagegen, die Struktur- und Genehmigungs-Direktion (SGD) Nord, hatte die Störung durch Bau und Tourismus für vereinbar mit dem Naturschutz gehalten. "Wir sind hier verantwortlich für die Entwicklung einer ganzen Region. Wir leben nicht zuletzt vom Tourismus, von der naturverträglichen Nutzung unserer Landschaft, das hat viel mit Arbeitsplätzen zu tun", sagt SGD-Präsident Hans-Dieter Gassen und betont die Einzigartigkeit des Geysirs. "Das muss auch eine touristische Nutzung möglich machen." So hatte die SGD 2003 in einem Eilverfahren beschieden. Zu Unrecht, fanden die Koblenzer Richter. Eile sei nicht geboten, der Ermessensentscheid fragwürdig.

Das Wasser aus der Tiefe schmeckt nach Emser Pastillen