Von Volker Ullrich

Im Jahr 1924, kurz nach Überwindung der Hyperinflation, erschien der erste Band der Gesammelten Werke Otto von Bismarcks, bald nach dem Alterssitz des ehemaligen Reichskanzlers Friedrichsruher Ausgabe genannt. Die Edition sollte, wie es im Vorwort hieß, "ein Denkmal" sein, "das Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung dem Reichsgründer errichtet". 1935, als der letzte der 19 großformatigen Bände herauskam, gehörte die viel geschmähte Weimarer Republik bereits der Geschichte an, jubelte der Bearbeiter Werner Frauendienst: "Wie eine Schicksalsfügung mutet es an, daß die Vollendung in eine neue Zeit fällt... dem Dritten Reich wird das fertige Werk geschenkt."

Schon immer waren die Gesammelten Werke ein Ärgernis, weil die tagespolitischen Absichten auch Auswahl und Kommentierung der Dokumente beeinflusst hatten. Deshalb ist es an der Zeit, dass die Otto-von-Bismarck-Stiftung (die seit 1997 als Bundesstiftung geführt wird) sich entschlossen hat, mit einer Neuen Friedrichsruher Ausgabe die Einseitigkeiten und Verzerrungen der alten zu korrigieren. Mit Lothar Gall, Klaus Hildebrand, Eberhard Kolb und Konrad Canis wurden bedeutende Bismarck-Forscher als Herausgeber gewonnen. Das Unternehmen wird sich zunächst auf die Reichskanzlerschaft Bismarcks zwischen 1871 bis 1890 konzentrieren, die in der früheren Edition sträflich vernachlässigt wurde. Doch soll im Anschluss daran auch der gesamte Zeitraum bis 1871 neu bearbeitet und um eine Fülle bislang unbekannter Quellen ergänzt werden. Am Ende werden es wohl 30 Bände werden – ein ehrgeiziges Projekt, das hohe Ansprüche an Arbeitskraft und Durchhaltevermögen der wenigen Stiftungsmitarbeiter stellt.

Der erste, von Andrea Hopp mustergültig bearbeitete Band zeigt bereits, wie sinnvoll diese Anstrengung ist und welche Impulse davon nicht nur auf die Bismarck-Forschung, sondern auf die Geschichtsschreibung über das 19. Jahrhundert insgesamt ausgehen werden. Er versammelt Aufzeichnungen, Berichte, Erlasse, Briefe Bismarcks aus den drei Jahren nach Proklamation des kleindeutsch-großpreußischen Kaiserreichs im Spiegelsaal von Versailles. Mehr als die Hälfte der über 500 Dokumente, aus den verschiedensten Archiven zusammengetragen, werden hier erstmals präsentiert. In ihrer Summe bieten sie zwar keine grundlegend neue Sicht auf diese frühe Phase nach der Reichsgründung; doch treten manche Züge in Bismarcks Denken und Handeln schärfer hervor.

So wird noch deutlicher als bisher, für wie labil, ja existenziell gefährdet Bismarck die außenpolitische Situation des deutschen Nationalstaats in der Mitte Europas ansah. Der cauchemar des coalitions, also der Albtraum einer gegen das Reich sich bildenden Koalition – er plagte den Reichskanzler von Beginn an. Er müsse, schrieb er am Neujahrstag 1872 Kaiser Wilhelm I., "die Möglichkeit ins Auge fassen, daß Deutschland einmal nicht nur einem Gegner, sondern mehreren sich gegenüber finden könnte". Es werde dann zu "einer Lebensfrage..., ob es auch einer solchen Kombination gewachsen ist".

Um dieser Gefahr zu begegnen, war Bismarck bestrebt, Frankreich dauerhaft zu schwächen und bündnispolitisch zu isolieren. Wiederholt drohte er der französischen Regierung mit einer Wiederaufnahme des Krieges, sollte sie die Friedensbedingungen nicht Punkt für Punkt erfüllen. Gleichzeitig warb er in den europäischen Kabinetten um Vertrauen: Deutschland hege keine weiteren Eroberungsgelüste, sondern sei "mehr als gesättigt und ein ungefährlicher Nachbar für jedermann, der uns nicht angreift". Auch den Gedanken an Kolonien wies der Reichskanzler zu Beginn der siebziger Jahre noch weit von sich, da "solche Besitzungen eine Quelle nicht der Stärke, sondern der Schwäche für Deutschland werden müßten". Von dieser Erkenntnis sollte Bismarck zu Beginn der achtziger Jahre freilich selbst abrücken; und erst recht wurde sie von seinen Nachfolgern seit Mitte der neunziger Jahre missachtet.

Von irrationalen Ängsten getrieben, witterte er überall den Umsturz