Wenn man nach Konstanten in der europäischen Geschichte seit dem Spätmittelalter sucht, stößt man auf das Phänomen der Beschleunigung. Das Tempo variierte freilich geografisch, epochal und sektoral. Peter Borscheid dokumentiert in seiner kulturgeschichtlichen Studie die Verbreitung des Tempo-Virus in den verschiedenen Regionen, Epochen und gesellschaftlichen Bereichen und stützt sich dabei auf eine große Zahl von Spezialstudien, deren Ergebnisse er übersichtlich sortiert und gut lesbar darstellt.

In der Zeit vom Spätmittelalter bis zur Französischen Revolution (1450 bis 1789) gab es Beschleunigungen nur in wenigen Bereichen. Die Gesellschaften insgesamt wie die Individuen gestalteten Leben und Arbeit "mit der Natur" und "nach der Natur". Langsamkeit und Beständigkeit wurden hoch geschätzt, während Veränderung und Beweglichkeit eher als suspekt galten. Das trifft insbesondere für die ländlichen Gebiete zu, das heißt für die überwiegende Mehrheit der Menschen. Aber auch im überregionalen Verkehr gab es zwischen Spätantike, Spätmittelalter und 18. Jahrhundert keine nennenswerte Beschleunigung. Für die Strecke von Rom nach Paris benötigte man im Zeitraum dieser 1500 Jahre immer etwa 26 Tage.

Mit der Industriellen Revolution wurden periodische Quantensprünge in der Beschleunigung üblich, wie Borscheid anhand der Geschichte der Dampfmaschinen, der Eisenbahn, der Dampfschiffe und der Nachrichtenübermittlung detailliert belegt. Insbesondere die Eisenbahn gab "der Zeit ein neues Tempo" vor, wie Heinrich Heine bemerkte. Die Dampfkraft als "Alleskönner" löste nicht nur Begeisterung aus. Goethe befürchtete, mit der Eisenbahn würden "junge Leute viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen", und obendrein entziehe die rasende Bahn dem Reisenden den "Duft der Pflaume". Parallel zur Beschleunigungsrhetorik entwickelte sich eine Form der Zivilisations- und Kulturkritik, die auf die schädlichen Folgen des Tempowahns für Mensch, Natur und Gesellschaft hinwies. Nüchtern registrierte dagegen Marx, alles Streben der Menschen und alle Ökonomie löse sich in der "Ökonomie der Zeit" auf – Lebens- wie Arbeitszeit würden zu bloßen Geldfragen. Als Taktschläger bei der Beschleunigung – auch dies eine gut belegte These Borscheids – fungierten quer durch die Geschichte die Militärs.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich der Geschwindigkeitsrausch im Zuge der Automobilisierung geradezu treibhausmäßig. Die ersten Nutznießer des Autos stammten aus dem Blut- und Geldadel – Wilhelm II. wurde schon 1905 zum Schutzpatron des Deutschen Automobil-Clubs. Sie betrieben das Fahren als Selbstzweck und genossen das Tempo als Faszinosum. Ernst Jünger beobachtete bei Motorrennen unter den Zuschauern eine Form von "Frömmigkeit". Borscheid vermutet, "daß der einmal gezündete Beschleunigungsmechanismus" nur durch eine Katastrophe zu stoppen sei. Die Entwicklung von Computern, Bio- und Nanotechnologie seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts spricht jedenfalls nicht gegen diese Vermutung.

Die breit angelegte, farbige Darstellung der unerhörten Bescheunigungseffekte, die Arbeits- wie Lebensbereiche erfassen, vermittelt ein eindrucksvolles Tableau der Licht- und Schattenseiten unserer Kultur und Zivilisation.