Die Reden des Demosthenes aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert waren über zwei Jahrtausende fester Bestandteil des abendländischen Bildungskanons. Sie galten als Modell rhetorischer Brillanz und stilistischer Perfektion. Wer etwas auf sich hielt, übersetzte sie aus dem altgriechischen Original in seine Muttersprache. Demosthenes hieß kurz "der Redner", so wie man Homer einfach "den Dichter" nannte. Heute findet sein einst gefeiertes Werk nur noch die Aufmerksamkeit versprengter Altertumswissenschaftler. Lohnt es dann überhaupt, eine Biografie des Atheners Demosthenes zu schreiben, die sich nicht an den nächsten Fachkollegen, sondern an ein breites Publikum wendet? Es lohnt durchaus, wie die Darstellung des Göttinger Althistorikers Gustav Adolf Lehmann zeigt.

Es galt, durch die Kraft des Arguments zu überzeugen

Lehmann schildert fakten- und facettenreich das Leben des athenischen Politikers vor dem Hintergrund seiner Zeit. Das Buch ist eine gelungene Einführung in die Geschichte Athens im 4. Jahrhundert und revidiert en passant hartnäckige Klischees über diese Epoche. Die Demokratie der nachklassischen Zeit war mitnichten ein System des Niedergangs und Verfalls, in dem unverantwortliche Demagogen eine urteilslose Volksmasse nach Belieben manipulierten. Anschaulich skizziert der Autor eine lebendige Zivilgesellschaft, in der die politische Freiheit, an den demokratischen Institutionen teilzuhaben, ebenso leidenschaftlich verteidigt wurde wie die individuelle Freiheit, zu leben, wie es einem gefiel.

In der Volksversammlung und vor den Geschworenengerichten mussten Mehrheiten gewonnen werden. Es hieß, durch die Kraft der Argumente und die Macht des Wortes zu überzeugen. Wer im öffentlichen Raum der athenischen Demokratie als Politiker reüssieren wollte, musste zunächst und vor allem reden können. Demosthenes (384 bis 322 vor Christus) zählte zu den einflussreichsten Rhetoren der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Früh hatte er seinen Vater, einen reichen Waffenfabrikanten, verloren und musste, kaum volljährig, auf dem Klageweg von seinen Vormündern das veruntreute Vermögen zurückfordern. Sein Geld investierte er in ein spezielles Trainingsprogramm, um den Herausforderungen der politischen Arena gewachsen zu sein. So machte er Sprechübungen im raschen Lauf bergan und deklamierte lange Texte mit einem Kieselstein im Mund. Wie viele seiner Kollegen begann Demosthenes als juristisch versierter und rhetorisch geschulter Logograf: als Redenschreiber für wohlhabende Klienten in Privatprozessen.

Die politische Bühne betrat Demosthenes mit Anklagen gegen einzelne Spitzenpolitiker. Solche Prozesse dienten der Entscheidungsfindung in kontroversen Fragen. Vor den großen Geschworenengerichten wurde über die Außen- und Sicherheitspolitik gestritten, aber auch über die Reform des Sozialstaates und ein "Bündnis für Arbeit". Sein eigentliches Profil gewann Demosthenes jedoch in der Auseinandersetzung mit dem dynamisch expandierenden Makedonien. Kein anderes Thema polarisierte seit den 350er Jahren die athenische Innenpolitik stärker. Wie sollte man es mit dem makedonischen König Philipp II. halten, der sich den Griechen als Wohltäter aufdrängte und sich an die Spitze eines großen panhellenischen Rachezuges gegen das Perserreich setzen wollte? Harte ideologische Gegensätze prallten aufeinander, um Freiheit und Autonomie wurde heftig gerungen. Demosthenes glaubte, folgt man Lehmanns Interpretation, "an eine überzeitliche, freiheitliche Mission Athens in der hellenistischen Staatenwelt" und wollte ein breites Defensivbündnis gegen den "Schurken aus Makedonien" schmieden. Demosthenes argumentierte für den Abbruch der Verhandlungen mit Philipp, setzte die Erhöhung des Flottenetats durch, brachte ein Bündnis zwischen Athen und Theben zustande und sondierte eine Allianz mit dem persischen König, von dessen Scheckbuchdiplomatie er auch persönlich profitierte. Doch sein Kampf war letztlich erfolglos. 338 vor Christus besiegte Philipp die hellenische Koalition bei Chaironeia in Boiotien. Die Schlacht, an der Demosthenes als einfacher Hoplit teilnahm, entschied über das Schicksal Griechenlands. Philipp, der am Ende des Tages ein Festmahl auf dem Schlachtfeld inmitten der Leichen hielt, war der Hegemon von Hellas.

Trotz des militärischen Scheiterns seiner Außenpolitik blieb Demosthenes in der athenischen Innenpolitik bis 323 vor Christus einflussreich. Die Athener ehrten sein Engagement, indem sie ihm die Rede auf die Kriegstoten, den so genannten Epitaphios, übertrugen, und verhalfen ihm zu einem triumphalen Sieg im Prozess gegen seinen großen Rivalen, den Redner und Politiker Aischines. Seine Aufgabe erkannte Demosthenes nun darin, Athen in der Epoche der makedonischen Suprematie außenpolitische Handlungsoptionen zu eröffnen. Alles drehte sich um die Frage, ob die politisch fragmentierten und militärisch unterlegenen griechischen Stadtstaaten nochmals den Aufstand gegen Philipp und, nach dessen Ermordung 336, gegen seinen Nachfolger, Alexander, wagen konnten.

Antike und neuzeitliche Kritiker haben Demosthenes in diesen Jahren abrupte Kursänderungen und wachsende Prinzipienlosigkeit vorgehalten. Alexander den Großen habe er erst als "dummen Jungen" verlacht, dann aber, als dieser ein Weltreich zusammenerobert hatte, als Gottkönig verehrt! Kurzum: Der alte Redner sei eher vom Wein als vom alten Freiheitsideal trunken gewesen, aus dem Kämpfer sei ein timider Friedenspolitiker geworden, der kurzsichtig die besten Chancen für einen bewaffneten Aufstand der Hellenen gegen die Makedonenherrschaft versäumt habe. Diesen Vorhaltungen widerspricht Lehmann entschieden und entwirft das Bild eines Realpolitikers, der die neuen Machtverhältnisse anerkannte und Athen nicht in militärische Abenteuer stürzen wollte. Das Ziel des überlegt handelnden Elder Statesman sei ein "geduldiger Attentismus gegenüber der makedonischen Weltmacht" gewesen, um Athens Rolle nach dem Ende der innergriechischen Hegemonialsysteme neu zu definieren. Nach Alexanders Tod 323 vor Christus keimten wieder Hoffnungen. In Athen wurde aufgerüstet. Die Stadt stellte sich an die Spitze eines neuen Hellenenbundes, der zum Kampf gegen Makedonien aufrief. Doch die vereinten Griechen verloren auch diesen Krieg, und Demosthenes entzog sich den Häschern durch Selbstmord. Indes, schon 287 wurde ihm auf dem Marktplatz von Athen eine Bronzestatue errichtet, und die Inschrift pries ihn als den besten Verteidiger von Freiheit und Demokratie.

Dem Nachleben des Demosthenes in Antike und Neuzeit widmet Lehmann zwei instruktive Kapitel. Aus gutem Grund: Während dem Rhetor fast durchweg höchste Anerkennung gezollt wurde, blieb der schon zu Lebzeiten kontroverse Politiker bis in die jüngste Vergangenheit hinein umstritten. Jede Zeit schuf sich ihren eigenen Demosthenes. Kardinal Bessarion übersetzte nach dem Fall von Konstantinopel 1453 die erste Olynthische Rede ins Lateinische, um den christlichen Westen zum gemeinsamen Kampf gegen die gottlosen Türken aufzurufen. Unter Elisabeth I. wurde Philipp II. von Makedonien mit dem Armada-bewehrten Philipp II. von Spanien verglichen und das seemächtige Athen mit dem Inselreich gleichgesetzt. Barthold Georg Niebuhr rief in den Befreiungskriegen mit seiner deutschen Version der ersten Philippika zum Widerstand gegen Napoleon auf, und während des Zweiten Weltkrieges wurde Demosthenes für die Alliierten zum Vorkämpfer gegen die faschistische Aggression.