Hermann war sauer. Gleich in der ersten Nacht ist er ausgebüxt. Sein neues Zuhause war ihm wohl zu eng. Auf dem Kühlschrank hatte er diverse Rechnungen beschmutzt, bevor er über die Tür auf den Fußboden lief, wo er einen säuerlichen Geruch verbreitete. Die halbe Küche war voller Hermann. "Ihr müsst Euch erst aneinander gewöhnen", hieß es in der Anleitung, die Tina mir zu meinem neuen Mitbewohner in die Hand gedrückt hatte. "Du musst ihn nur ein bisschen füttern und täglich umrühren", hatte sie gesagt. Kein Wort von verschmierten Heizkörpern.

Hermann ist ein Kuchenteig. Oder besser: Er wohnt da drin. Und hätte man mir vorher gesagt, dass er eine Symbiose aus Pilz und Bakterien ist, ich hätte ihn gar nicht erst aufgenommen. Angepriesen wurde Hermann als eine Art Wundersubstanz, die sich wie von Zauberhand vermehre und als "Jahrhunderte altes Symbol gegenseitiger Fürsorge und Traditionspflege" in einem auserwählten Personenkreis kursiere. Der Kuchen, so hieß es, schmecke fantastisch.

Außerdem könne ich den Klumpen ja jederzeit wegschmeißen, sagte Tina. Von wegen. Hermann hatte einen Namen. Er lebte. Morgen für Morgen schaute ich gespannt in den Teigtopf, als ginge es um ein Experiment aus dem Chemiebaukasten. Bereits nach zehn Tagen war das Häuflein zu einem glitschigen Berg angewachsen, von dem – laut Anleitung – ein Teil gebacken, einer zur erneuten Züchtung aufbewahrt und zwei weitere, die so genannten Hermannkinder, an Freunde verschenkt werden sollten. Bloß dass Tina unseren gesamten Bekanntenkreis bereits versorgt hatte. Menschen, die ihrerseits auf ihren Teigklumpen sitzen blieben.

Ich hortete Gläser mit Schraubverschluss und erschien fortan bei keiner Einladung ohne Kuchen, nur um ihn dann resigniert neben die Hermänner der anderen Gäste zu stellen. Unsere Gespräche kreisten um Hermann. Wie er zum Beispiel auf Marzipan anspreche, wer die Urlaubsbetreuung übernehmen könne und was eigentlich passiere, wenn man den Teig statt am zehnten erst am zwölften Tag in den Ofen schiebt. Pilzvergiftung? Ständig plagte dieser hilflose Organismus mein Gewissen: Ist Hermann schon versorgt? Ist überhaupt genug Milch im Haus? Bald kam ich mir vor, als hätte ich einen Kettenbrief erhalten, dessen finsterer Prophezeiung ich durch eifrige Verbreitung zu entrinnen suchte. Ich rief Menschen an, die ich seit Schulzeiten nicht gesprochen hatte. Menschen wie Olaf. Doch Olaf wollte keinen Hermann. Diese Phase hatte er hinter sich. Jetzt wollte er einen Pilz für Fortgeschrittene, etwas, das gut für den Blutdruck, für Leber, Nieren und eigentlich alles andere auch war. Olaf wollte einen Wasserkefir. Im Kaukasus wurden die Menschen wegen Kefir über hundert Jahre alt. Hermann machte bloß dick.

Auch von den Heilkräften des Kombucha, eines Teepilzes aus China, wusste Olaf Wundersames zu berichten. "Wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus Russland" hätten bestätigt, dass Kombucha bei Gastritis, Bronchitis und Mandelentzündungen helfe, dass er Arthritis, Gicht, Prostataleiden und Rheuma und auch sonst allem Möglichen vorbeuge. Olaf stellte mir einen von ihm gezüchteten Kombucha-Pilz im Tausch gegen Kefir in Aussicht. Letzteren besorgte ich mir bei der Hermann-Fraktion, in der die Kefir-Besitzer eine Art Avantgarde bildeten.

Am Tag der Übergabe hielt ich vorschriftsgemäß ein feines Plastiksieb, einen Zwei-Liter-Glasbehälter mit Schraubverschluss, Trockenfrüchte, unbehandelte Zitronen und Zucker bereit. Der Kefir sah aus wie ein Häuflein Knorpel. Wenn man ihn auf den Boden warf, sprang er lustig in die Höhe. Der Geschmack des von ihm produzierten Getränks hingegen war widerlich süß, was ich Olaf natürlich verschwieg. Ich würgte die Plörre herunter und horchte täglich in mich hinein. Jedes nicht vorhandene Magendrücken, jeder Tag ohne Husten gewann eine völlig neue Bedeutung. Das ständige Waschen und Rühren und Umfüllen machte sich also bezahlt. Allerdings war mir schleierhaft, wie die Berge von Industriezucker, die man dem Wasserkefir zuführen musste, gesund sein konnten.

Als schließlich noch der Kombucha ins Haus kam, fühlte ich mich wie eine Ersatzmutter im SOS-Kinderdorf. Bloß dass die keine Zöglinge haben, die aussehen wie das missglückte Zuchtexperiment zwischen orthopädischer Einlegsohle, Sülzkotelett und zerlaufenem Handkäse.

"Bist du wahnsinnig?", schrie Olaf, als ich den Quaddelklumpen in einen Metalltopf kippen wollte. "Das bekommt ihm nicht, wegen der Ionen." Auch die Kunststoffschüssel wurde von Olaf verworfen. Ich kaufte ein Goldfischglas und füllte es nach Anweisung mit gesüßtem Tee. Schon am zweiten Tag lag der Quaddel traurig am Boden, statt an der Oberfläche zu atmen. An seinen Rändern zottelten graue Glibberfäden. War er tot? Hatte ich ihn mit dem heißen Wasser verbrüht? Oder mochte er keinen Erdbeertee?