Jahrelang haben uns Hollywoods Filmemacher an der Nase herumgeführt. Haben uns Kapitän Bligh von der legendären Bounty als einen despotischen Schiffsführer vorgestellt, dem die Schösslinge des Brotfruchtbaumes wichtiger waren als das Wohlergehen seiner Männer. Man hat die Bilder der Meuterei auf der Bounty noch vor Augen. Bligh reduziert die tägliche Wasserration für seine Crew, damit er die Pflanzen wässern und von den Südseeinseln unbeschädigt zu den westindischen Kolonien Englands bringen kann. Er lässt Matrosen auspeitschen, und einen von ihnen bestraft er, indem er ihn mit einem Strick festbinden, ins Wasser werfen und unter dem Schiffsrumpf durchziehen lässt – bis ein Hai den armen Kerl verschlingt. Damals saß man gebannt vor dem Fernseher und freute sich, als der hübsche Marlon Brando alias Leutnant Fletcher Christian die Sache in die Hand nahm. Er stellte sich an die Spitze der Meuterer, setzte Kapitän Bligh und die ihm noch treu Gebliebenen kurzerhand in eine Barkasse, drückte Bligh einen Sextanten und sein Logbuch in die Hand und überließ die Gruppe ihrem Schicksal. Am Ende des dreistündigen Films schluchzte man wie die junge Tahitianerin, der Marlon Brando noch seine Liebe gestand, bevor er in ihren Armen verstarb.

Caroline Alexander nimmt mit ihrem Buch Die Bounty nun eine äußerst gelungene Kurskorretur vor. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty lautet der Untertitel. Auf mehr als 600 Seiten zeichnet die Autorin nochmals die berühmteste aller Schiffsreisen nach – und fasziniert den Leser ungleich mehr als der Hollywood-Streifen den Zuschauer. Alexander hat die Quellen über das Abenteuer geradezu besessen studiert, Tagebücher, Logbücher, Gerichtsprotokolle und Zeitungen. Sie nimmt der Geschichte ihren Mythos und gibt ihr gleichzeitig eine neue Bedeutung. Kapitän Bligh ist nun nicht mehr der Tyrann vom Dienst. Der Grund für die Meuterei am 28. April 1789 lag darin, dass die Matrosen mit dem derben Seemannsleben – unregelmäßige Schlafzeiten, harsche Disziplin – nach dem Aufenthalt auf Tahiti nicht mehr klarkamen. Die Tahitianerinnen hatten ihnen mit ihren feenhaften Körpern regelmäßige Schäferstündchen beschert und so den Kopf verdreht. Deshalb wundert es nicht, dass die Männer direkt nach der Meuterei wieder Kurs auf Tahiti nahmen. Sechzehn von ihnen blieben dort, während Fletcher Christian mit der restlichen Schar von Meuterern sowie einigen einheimischen Frauen und Männern erneut in See stach, um sich dann auf der Insel Pitcairn niederzulassen. Er starb nicht als Held in den Armen einer Frau, sondern wurde wegen seiner grausamen und unmenschlichen Art von einem Einheimischen auf dem Acker erschlagen.

Es sind die zahlreichen kleinen und spannenden Anekdoten, die den Leser tiefer und tiefer ins Abenteuer reinziehen. Er begegnet den Rädelsführern der Meuterei, den unscheinbarsten Gestalten am untersten Ende der Bordhierarchie, aber auch den Vertretern der britischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wie etwa Sir Joseph Banks, auf dessen Initiative das Schiff überhaupt in See stach. Manchmal wird Alexander leider Opfer ihrer eigenen Akribie. Etwa wenn sie schreibt, dass "Coleman einer der vier Männer war, von denen Bligh ausdrücklich erklärt hatte, sie trügen keine Schuld an der Meuterei". Nur 25 Zeilen weiter heißt es: "Coleman, der von Bligh selbst als unschuldig bezeichnet wurde…"

Solche Wiederholungen können gelegentlich nerven, aber die Faszination für das Seemannsleben nicht trüben. Ach, noch etwas: Als George Steward, der young gentleman unter den Meuterern, später gefangen genommen und nach England gebracht wurde, da starb nicht er, sondern seine tahitianische Romanze – an gebrochenem Herzen.