Schiffsnägel, zu Dolchen umgeschmiedet, wurden Käpt’n Thomas Cooks Verhängnis. Erst empfingen ihn Hawaiis Ureinwohner wie den Messias, dann aßen sie ihn am 14. Februar 1779 einfach auf. Hände und einen Oberschenkel expedierten die Wilden per Boten postwendend an die verwaiste Mannschaft zurück.

Als letzter großer Weltumsegler i. A. Seiner königlichen Majestät ist Cook in die Geschichte eingegangen. Er gehört zu den großen Architekten des englischen Kolonialreiches. Vor ihm war ein Drittel der Erde weiß, Terra incognita. Danach besaß die Seefahrt Karten, die so genau waren, dass sie bei den Militärs bis in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts benutzt wurden.

Mit dem Abstand von 230 Jahren hat sich der amerikanische Journalist und Pulitzerpreisträger Tony Horwitz dem Kapitän an die Fersen gehängt und ist seinen drei großen Seereisen mit großer Liebe zum Detail nachgereist. Ob auf den Aleuten oder auf Neuseeland – wo Cook den Fuß hinsetzte, hinterließ das Projekt der Europäisierung des Globus Entrechtete und Ermordete. Das Alphabet der schwarzen Bestandsaufnahme reicht von Atomversuchen im Pazifik bis Widerstand der Aborigines gegen den Genozid.

Der Westen verdankt Cook Karten, Kolonien und Wörter wie Känguru und Tabu. Cooks Logbücher freilich legen offen, was die Schiffsleute auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage nach Indien wirklich vorantrieb: der Alkohol. Allein auf seiner ersten Fahrt hatte der Käpt’n etwa 260000 Liter Bier, Wein und Hochprozentigem zuladen lassen. Seife wurde erst nach seinem Tod bei der Marine Vorschrift.

In den europäischen Häfen kursierten damals Geschichten über wiegende Südseepalmen und wippende Hüften. Meist fand die Schiffsbesatzung, was ihr verheißen, die scheinbar freiwilligen Liebesdienste der edlen Wilden. Selbst das wissenschaftliche Bordpersonal stürzte sich ins Projekt der Globalisierung von Geschlechtskrankheiten. Cook, der schmallippige Perfektionist, verweigerte sich als wohl einziges Besatzungsmitglied diesem Treiben. Der Lohn der Eingeborenen für Land und Liebesdienste übrigens war gering. Wir kennen ihn schon: Nägel. Die seit Tausenden von Jahren in Isolation verharrenden Steinzeitgesellschaften der Eingeborenen gierten nach Eisen. Hawaii, seine letzte Station, hatte Cook als Winterquartier gewählt, um im Jahr darauf noch einmal eine Passage durch die Arktis in Richtung Alte Welt zu orten.

Warum also fand die merkantile Swingerparty unter Palmen ein jähes Ende? Eine Antwort gibt allein die zeitgenössische Geistlichkeit. Tabubrüche bestrafe der liebe Gott sofort, lautete ihre These. Historiker und Ethnologen tun sich mit Gottesurteilen bekanntlich schwerer. Seit langem tobt ein Gelehrtenstreit um die Ursache von Cooks Tod. Die einschlägigen Quellen sind auf wundersame Weise verschwunden, und so endet auch Horwitz’ mit viel Hingabe betriebene Spurensuche im Nebel des Ungefähren.

Das mag in Ordnung sein. Aber Horwitz will die Schuld von seinem Helden nehmen. Cooks Methoden galten eher als moderat. Aber wurde die Situation brenzlig, ließ auch er mit der Peitsche, Gewehrsalven und Geiselnahmen ein wenig nachhelfen. Horwitz sucht auch in solchen Situationen das Gute in Cook und führt den Leser nach Yorkshire, dorthin, wo der Käpt’n als Küsten-Kohlenschiffer seine Karriere begann. Eine Quäker-Ecke, und eben so ein friedlicher, pflichtbewusster und uneitler Zeitgenosse sei auch Cook gewesen, will der Autor sagen. Einen Beleg für diesen Ablass gibt er nicht.

So kommen weder der Seebär noch sein Biograf ans ersehntes Ziel. Den Traum aller Entdecker, die Nordpassage um den amerikanischen Kontinent, haben andere gefunden. 1958 schaffte ein atomgetriebenes russisches U-Boot den großen Coup. Unter den Eismassen, die Cook einst die Weiterfahrt versperrten, fuhr es einfach hindurch.