Nein, es ist nicht unbedingt nur Sex. Erregung wäre schon eher das Wort. Oder Anreiz, vielleicht zum Wahnsinn gesteigertes Verlangen: Was Frauen und Männer zueinander hinzieht, in den üblichen Feldversuchen der Liebe, und sie so entzündet, dass es nicht nur zu dem üblichen Gestammel kommt, mit taumelndem Realitätsverlust, späterer familiärer Gewöhnung, eventuell tristem Abschied, was ihren Geist so beflügelt, dass er zur Genialität befähigt wird, sich hoch aufschwingt in kreativen Schöpfungen, aus der Liebe heraus – das ist ein Geheimnis.

Wir ahnen, da ist etwas, nur was? Es verbirgt sich, wie im Wesen des kreativen Akts selbst, was vielleicht ein Grund dafür ist, dass die Menschen seit der Antike das Geheimnis der Kreation gerne der weiblichen Gestalt zuzuschreiben – und sie Muse nennen. Man könnte sagen, damit ist das Problem verdoppelt. Das Rätsel Frau – als unergründlich strudelnder Nabel der Kunst! Die Musen der Klassik waren denn auch ferne Göttinnen, wie Thalia, die Muse des Lustspiels, oder Euterpe, für Lyrik zuständig. In der Neuzeit heißen sie Gala, die Göttin des Surrealismus, die an der Seite von Salvador Dalí in Erscheinung trat, oder Alice Liddell, die Kinderfee von Charles Dodgson, der für sie Alice in Wonderland schrieb, auch Yoko Ono, die uns John Lennon so behexte, dass er die Beatles und uns als Fans weit hinter sich ließ. Was ist diesen Frauen gemeinsam? Das hat vielleicht noch niemand mit so viel lustvoller Respektlosigkeit untersucht wie die amerikanische Autorin Francine Prose – ohne das Geheimnis, um es gleich zu sagen, lösen zu können, vielleicht auch ein Glück.

Neun Detailstudien von Grenzbeschreitungen. Sie untersuchen Menschen, die aus ihrer Bahn ausbrechen, keineswegs aus Nachlässigkeit. Dalí zum Beispiel legte Perlenketten an, große Ohrgehänge, färbte seine Achselhöhlen meerblau und zerriss zur Bloßlegung einer Brustwarze sein Hemd, bevor er Gala gegenübertrat. Dr. Johnson, der geniale englische Intellektuelle des 18. Jahrhunderts, zog ein in das Haus von Hester Thrale, der unglücklichen Bierbrauersgattin, Mutter vieler und nicht selten kranker, auch entsetzlich sterbender Kinder – und bat sie, sein Zimmer abzuschließen und die Gewalt über den Schlüssel zu wahren, über ihn! Lou Andreas-Salomé, deren Einfluss Nietzsche wie auch Rilke beflügelte, tatsächlich auch Sigmund Freud – bannte die Faszination dieser wie anderer nach ihr lechzender Männer durch kühl kalkulierten Rückzug in eine über 30 Jahre währende, unvollzogene Ehe. Sollte man es als Selbstentsagung bewundern? "Sie sind doch eine Versteherin par excellence", schrieb Freud ihr sehnsüchtig, nach Jahrzehnten der Freundschaft. Und Rilke schrieb: "Ich habe Dich nie anders begehrt, als so, daß ich hätte knien dürfen vor Dir." Darf man es Triebverzicht nennen?

Briefe und Erinnerungen. Beobachtungen anderer, die Kunstwerke natürlich: Bücher, Gedichte, Gemälde, Fotografien, Konzerte – mit so reichem Material ausgestattet, blättert Prose, mäandernd durch einen zeitlichen Kosmos von 250 Jahren, vor uns einen veritablen Katalog der Künste auf, den Spuren folgend, die jene nicht selten quälenden und doch fruchtbaren Beziehungen durch diese Werke gezogen haben. Das führt zu atemberaubenden Studien von Bildkompositionen, auch Tonmixturen oder eben Geschlechterrollen. Nicht immer sind sie ganz nachvollziehbar, weil die Bildvorlagen in diesem Buch leider meist fehlen. Man wünscht sich sehnlichst mehr Abbildungen des Beschriebenen, insbesondere, wenn die Argumentation wie bei der Fotografin Lee Miller über ihre Liaison mit dem Fotografen Roland Penrose hinaus zu jenen Bildern führt, für die sie berühmt sein müsste, die zu Unrecht vergessen wurden, wie ihre grandiosen Reportagen beispielsweise aus dem zerstörten Europa der vierziger Jahre, man sehe nur das Bild von der Tochter des Stadtkämmerers von Leipzig, die sich 1945 selbst getötet hat (veröffentlicht vor zwei Jahren im Nicolai Verlag, Berlin – Begegnungen; Portraits einer großen Fotografin des 20. Jahrhunderts, 34,90 Euro).

Das Kapitel über Alice in Wonderland möchte man komplett wegstreichen, wegen so viel ärgerlichem Unverstand beim Thema Pädophilie und den sattsam bekannten Entschuldigungsmotiven der Täter wie dem von der kleinen Verführerin, die es ja selber wollte, oder den Klagen über die verklemmten Kinderschützer wie die Mama, der die heißen Küsse von Dr. Dodgson für die Siebenjährige unheimlich waren – insgesamt unappetitliche Floskeln aus der einschlägigen Szene, die Prose bedenkenlos übernimmt, vielleicht dem Wunsch nach der eigenen Unkonventionalität erliegend.

Letztere wirkt gelegentlich natürlich außerst erfrischend. So wird endlich das alte feministische Vorurteil zerstreut, welches in der Muse so gerne das Opfer sehen will. Die schöne Gala jedenfalls, ist hier zu lernen, habe kühl rechnend erkannt, dass der Paradiesvogel Dalí auf dem Markt der gut bezahlten Eitelkeiten einen höheren Kurswert erzielen werde als ihr Mann, der Dichter Paul Elouard – um sich behend von ihm zu trennen.

Prose enthält weder den Schwächeren ihr Mitleid vor noch erspart sie jenen die aggressive und meist unterhaltsame Spitze ihrer Feder, die als Schuldige im Beziehungskrieg auftauchen, wie Dante Gabriel Rossetti, der seine Muse, die wundervolle Elizabeth Siddal, als er sich neuen Reizen zugewandt hatte, im Drogenrausch jämmerlich verrecken ließ, nicht ohne sie dann sentimental zu beweinen. Ihr Liebesgedichte mit ins Grab legte – und sie wieder ausbuddelte, um ein Geschäft mit ihnen zu machen. Jenseits aller individuellen oder zeitgeschichtlichen Unterschiede in den einzelnen Konstellation schälen sich am Ende erstaunliche Wahrheiten heraus. Die Muse, zeigt sich, war natürlich Geliebte, wenn auch nicht unbedingt erotischer Genuss. Sie konnte als Erzieherin wirken oder als Mutterersatz, war vielleicht Geschäftsfrau des Herrn Künstlers oder auch nur der Handlanger, gelegentlich tätig als Pflegerin des Genies, konnte also in einer erstaunlichen Viefalt von Rollen auftreten – zu Zeiten, in denen Frauen wenig Hoffnungen auf irgendeinen anderen Lebensweg hatten als den der Ehefrau. Zweitens, es war gerade diese eine Rolle der Respektabilität, die Musen ruinierte – weil es sie austauschbar machte gegen ein neueres Modell.

Drittens: Auch Männer mussten, der Muse zuliebe, durchaus Opfer bringen, wie der arme Man Ray, der seine Leidenschaft für die kühle Schönheit von Lee Miller mit einem Bild ihrer überdimensionalen Lippen am Horizont teuer bezahlte, das heute eine Ikone ist: "Im wahren Leben der Musen gibt es wenig, was dem herzzerreißenden opernhaften Exzess eines deprimierten, selbstmordgefährdeten Künstlers entspricht, der zwei Jahre seines Lebens damit zubringt, den Mund der Muse, die ihn verlassen hat, zu malen, auszulöschen und erneut zu malen" , schreibt Francine Prose mit ihrem komplexen Witz.