Ohne Zweifel geht von den Reportagen der Marie-Luise Scherer ein großer Reiz aus. Selbst kritische Kritiker überschlagen sich. "Bedeutende Literatur", schreibt Gustav Seibt in der Süddeutschen. Für die Weltwoche urteilt Willi Winkler: "Sie sind besser als alles, was es deutsch zu lesen gibt" – und stellt die Autorin in eine Reihe mit Kafka und Kleist.

Trotzdem seien hier einige Einwände formuliert.

Marie-Luise Scherer, geboren 1938 in Saarbrücken, hat sich durch ihre Langsamkeit legendären Ruf erworben. Ein paar Reportagen in zwei Jahrzehnten, das war ihr Pensum beim Spiegel. Was nach intensiver Recherche und selbstquälerischem Schreiben schließlich ins Heft fand, war allerdings kaum zu überblättern, weil 20 Seiten lang und so eindrucksvoll, dass sich Leser noch jahrelang daran erinnerten:

Der unheimliche Ort Berlin, 1987, in dem sie das Schicksal einer jungen Frau nachzuzeichnen versucht, die aus der Aufgeräumtheit ihres oberschwäbischen Elternhauses ins struppige Kreuzberg entfloh, wo sie bald spurlos verschwand und erst nach Jahren auf dem Dachboden eines Hinterhauses gefunden wurde – als verschnürtes Leichenpaket.

Die Hundegrenze, 1994, in der sie den Mischling Alf durch sein elendes Wachhundeleben auf der östlichen Seite der innerdeutschen Grenze begleitet – beklemmender ist der Todesstreifen und sein Drumherum wohl nie beschrieben worden.

Elf Texte aus vier Jahrzehnten versammelt das in der Anderen Bibliothek erschienene Buch, es ist Scherers zweites. Viele dieser Stücke waren allerdings schon in ihrem ersten, 1988 bei Rowohlt erschienenen Buch Ungeheurer Alltag enthalten. Offenbar sind sie so gut, dass sie gar nicht oft genug gedruckt werden können.

So ist lediglich ein Text neu, Der Akkordeonspieler – von ihm leitet sich der Titel ab. Ausgebreitet wird das Wohl und Wehe eines Mannes aus dem Kaukasus, der sich monatelang in Berlin aufhält, um dort in U-Bahn-Aufgängen Musik zu machen und mit dem eingenommenen Geld seine Frau und die drei Kinder im fernen Essentuki zu ernähren. Was als Inhaltsangabe ärmlich klingt, entfaltet sich auf 130 Seiten zu einem detailreichen Panorama von Globalisierung, Ost-West-Beziehungen, Berliner Schnauze, postsowjetischem Eisenbahnwesen und reichlich Tolstoj.

Dieses Bravourstück führt Scherer allerdings auch an ihre Grenzen. Der Protagonist begegnet auf seinen Irrwegen Dutzenden von Personen, und die Autorin interessiert sich für jede, was die ohnehin spärliche Handlung zerfasert. Seitenlang setzt die Hauptgeschichte vollkommen aus, und es stellt sich beim Leser das Gefühl ein, die Autorin benutze die Story nur als Vorwand für ihre erzählerische Mikrosoziologie. Was sie wirklich interessiert, ist die schattenfreie Ausleuchtung von Milieus, egal ob es sich um französische Adlige, Moskauer Museumswächterinnen, Kreuzberger Hinterhöfe oder Restaurants auf Kuba handelt. Wohl kaum jemand versteht sich auf solche Beschreibungen besser als diese Autorin.