Die journalistische Beschäftigung mit Wein bewegt sich erfahrungsgemäß auf einer ziemlich engen Spur. Hundert Zeilen, ohne von Château Pétrus zu schwärmen – ja mein Gott, hat der Kollege denn noch nie "einen Pétrus in einer Vertikalen" getrunken?

Ein anderes Pflichtthema sind die überladenen, marmeladigen Alkoholbomben unter den Rotweinen, diese Frucht des unseligen Wirkens amerikanischer Lobbyisten.

Und selbstverständlich muss der deutschen Rieslinge gedacht werden, dieser besten Weine der Welt, die drauf und dran sind, den guten Ruf zurückzuerobern, den sie vor 150 Jahren am englischen Königshof hatten.

Das ist alles ja auch richtig und ganz wichtig. Dagegen ist die Gefährlichkeit der Kellertreppen in den Häusern der Weinfreunde kein Thema. Obwohl so mancher die Treppe runtergefallen ist, als er für die Säufer an seinem Esstisch den verlangten Nachschub holen wollte.

Treppenstürze gehören nach den historischen Stürzen (Ikarus; Prag 1419 und 1618; Nasdaq 2002) zu den folgenschwersten Stürzen, an denen die CIA nicht beteiligt ist.

Aber niemand, nicht einmal der bayerische Innenminister, erlässt ein Gesetz, das es Hausherren verbietet, mit mehr als 0,8 Promille die Kellertreppe zu betreten, ganz gleich, in welcher Richtung.

Der Begriff Vertikale (um die oben gemachte Bemerkung zu erklären) bedeutet im Zusammenhang mit Château Pétrus eine Verkostung aller Jahrgänge dieses renommierten Weins in sinkender Reihenfolge. Also als Erstes eine Flasche 2002, dann 2001, dann 2000 und so weiter und so fort. Wer schließlich nach 1973 (ein lausiges Jahr für Pétrus) in den Keller muss, um die restlichen Jahrgänge bis 1947 zu bergen (merke: ohne einen 1947er ist keine Weinprobe wert, dass man sie erwähnt), läuft Gefahr, über den Haufen gestürzter Weinfreunde zu stolpern, die seit dem 1982er am Fuße der Treppe liegen.