Es wird nicht lange dauern, bis die Stadt Wolfsburg einen anderen Namen annimmt. Zehn bis fünfzig Jahre, schätze ich, und sie wird nur noch als Autostadt auf den Landkarten erscheinen. Vorausgesetzt natürlich, dass VW bis dahin nicht Pleite macht. (Auch das hat es ja gegeben, dass beispielsweise Karl-Marx-Stadt wegen der Pleite der Firma Marxismus den alten Namen wieder annahm. Heute heißt sie wieder Chemnitz.)

Denn es gibt bereits eine Autostadt. So heißt ein Teil von Wolfsburg. Und der ist so markant, so wichtig und so zukunftsweisend, dass er den Rest des bürgerlichen Agglomerats namens Wolfsburg eines Tages schlucken wird. Von den Fabrikationshallen des Golf zur Auslieferungsstätte des Phaeton hieß der erste Akt der freundlichen Übernahme. Er dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert. Der zweite Akt folgte in geradezu rasendem Tempo. An seinem Ende staunte mit den Wolfsburgern die halbe Welt, was sich da vor ihren Augen entwickelt hatte. Moderne Architektur, ebenso funktionell wie zur Präsentation geeignet, gläserne Autotürme, Museen und dazwischen eine gepflegte Garten- und Wasserlandschaft. Alles zusammen wie ein aufwändiger, Realität gewordener Werbeprospekt. Und mittendrin das Hotel Ritz-Carlton mit dem Restaurant Aqua.

Es gibt auch andere Restaurants in diesem Luxushotel, vor allem das grandiose Brunch-Buffet am Sonntag, wo von frischen Austern über südostasiatische Küche bis zum niedersächsischen Wurstsalat eine ungeheure, appetitanregende Auswahl herrscht, deren Einzelheiten die Extras in den Auto-Zubehörlisten weit übertreffen, ohne so teuer zu sein wie diese.

Zusätzlich erfreuen den Besucher die Innenausstattung des Hotels, die Eleganz der Formen (Design: Andrée Putman) und die bemerkenswerte Fotogalerie in der Lobby. Ist er gleichzeitig auch Hotelgast, wird er Mühe haben, sich an ähnlich komfortable Zimmer zu erinnern. Die Geräte von Bang & Olufsen überall sowie die Badezimmer-Armaturen von Czech & Speaks verraten dem Kenner, dass er sich hier in einem High-End-Ambiente befindet, worunter man, wie bei Video- und Audio-Anlagen, den letzten Chic in technischer und ästhetischer Hinsicht versteht. Die vor dem Eingang geparkten Zwölfzylinder bilden dazu ein ganz natürliches Pendant. Die in solche Etablissements normalerweise eingebaute Schwellenangst tritt hier gar nicht auf.

Das liegt an einer weiteren Eigenart dieses Hotels: an der unmenschlichen Liebenswürdigkeit des Personals. Alles, was Lehrbücher über die Kunst, ein Hotel zu leiten, jemals veröffentlich haben, im Wolfsburger Ritz-Carlton wird es praktiziert. Der Gast wird ständig von lächelnden Mädchen und jungen Herren begleitet, welche nur eins im Sinne zu haben scheinen – ihn glücklich und zufrieden zu machen. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Angestellten nach Feierabend ihre Familien ganz entsetzlich terrorisierten, weil sie einen Ausgleich brauchen zur ununterbrochenen Freundlichkeit den fremden Gästen gegenüber. Doch ich will nicht ungerecht sein: Natalie war allerliebst.

Es lohnt sich also, mehrere Tage hier zu verbringen, zumal es so lange dauert, bis man dem rätselhaften Funktionieren der High-End-Lichtschalter in den Suiten auf die Spur kommt.

Das Licht im Restaurant Aqua ist denn auch der einzige Anlass zu Meinungsverschiedenheiten. Es ist hell genug, um die Tische, Teller und Nadelstreifen der amerikanischen Automobileinkäufer ausreichend zu beleuchten. Aber die Wände des Raums sind dunkel wie das Ford-T-Modell im Automuseum und schlucken Licht wie schluckfreudige Journalisten den Wein. Da es Abend ist (mittags ist das Restaurant geschlossen), hilft nur der Mond – der unbesungene Mond über Wolfsburg – die Schwärze der Nacht aufzuhellen.

Und doch geht im Restaurant, das von Küchenchef Sven Elverfeld versorgt wird, bald die Sonne auf. Zuerst hat sie etwas Japanisches, weil der Kellner dem Gast so ein fest gerolltes, feuchtes, heißes Handtuch an den Tisch bringt, für das es todsicher einen japanischen Namen gibt, weil diese Tücher bei den badesüchtigen Japanern zur Grundausstattung jedes Restaurants gehören.