Von der Mutter hatte sie das gute Aussehen, vom Vater das streitbare Temperament geerbt. Der Vater gehörte zum "Schwertadel". Er war preußischer Berufsoffizier.

Schon als Kind durchschaute sie Heuchelei und Arroganz. Als in der Schule ihre Nachbarin als "Judenbalg" beschimpft wurde, das Christus gekreuzigt habe, trat sie für sie ein und schrie zurück: "Und wenn, wißt ihr denn nicht, daß Christus auch Jude war?" Trotzdem genoss sie die angenehmen Seiten ihrer Erziehung. Während der Zeit, als die Familie in Berlin lebte, nahm sie Tanzstunden bei Hofe und ging zu Festen, zu denen sie ins Schloss geladen wurde.

Mit 14 Jahren äußerte sie Zweifel an den kirchlichen Lehren und im Konfirmationsunterricht an der naiven Auslegung der Bibel. Sie hatte ein "Manifest" geschrieben, dass sie nicht an diesen Gott glauben könne, nicht an diesen Christus, nicht an diesen Heiligen Geist und nicht an die Vergebung der Sünden (mit Begründung), dafür aber an "Jesus, der in Niedrigkeit geboren wurde, damit wir erkennen, dass die Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und Streben".

Als die Mutter von den atheistischen Ansichten ihrer Tochter erfuhr, übte sie so lange Druck aus, bis sie sich konfirmieren ließ. Sie hatte in der Bibliothek des Vaters Goethe gelesen, Werthers Leiden, Iphigenie und andere. Nach der Berliner Zeit musste der Vater in die Garnison von Posen. Dort sah sie viel Armut. Sie machte sich Gedanken über die soziale Ungerechtigkeit.

Mit 18 Jahren verliebte sie sich leidenschaftlich in einen Prinzen, der sie ebenfalls liebte, aber eine Ehe mit der Tochter des niederen Adels kam für ihn nicht infrage. Allein wegen des Geredes und der aufmüpfigen, schlecht erzogenen Tochter wurde der Vater bestraft, indem er in den äußersten Osten versetzt wurde. Sie selbst flüchtete zu ihrer Großmutter, einer klugen Frau, auf dem ostpreußischen Rittergut. Sie hatte Verständnis für ihre Enkelin und lehnte, im Gegensatz zu ihrem Sohn und der allgemeinen Meinung, Bismarcks Gesetz zur Verfolgung der Sozialdemokraten ab.

Die Enkelin war knapp 20 Jahre alt und begann sich für Politik zu interessieren. Inzwischen war der Vater nach Westfalen versetzt und zum General befördert worden. Hier begann sie ernsthaft, ihre Bildung zu verbessern. Sie schrieb Essays und galt als Schriftstellerin.

Kurz vor ihrem Tod schrieb die Großmutter, sie solle ihren eigenen Weg gehen und nicht auf eine Erbschaft oder Zweckehe warten. Dazu bot deren Nachlass die erste Gelegenheit. Sie befasste sich mit Weimar und Goethe und dem Fräulein von Pappenheim, ihrer Großmutter. Ein Professor für Philosophie, Geschichte und Politik, den sie kennen und lieben lernte, unterrichtete sie täglich. Er begeisterte sie für den Sozialismus. Durch ihn wurde sie bekannt mit Liebknecht und Bebel, setzte sich ein für die Gleichberechtigung der Frau. Sie hielt Vorträge und wurde bekannt. Es gab auch viel Neid, schließlich war sie eine Bourgeoise. Aber sie war eine Kämpferin. Nach dem Tod ihres Mannes machte sie weiter und lernte ihren zweiten Mann kennen, mit dem sie einen Sohn hatte und der mit ihrer Hilfe sozialistischer Reichstagsabgeordneter wurde. Es gab auch Rückschläge. Sie sah, wie sich Radikale und Revisionisten bekämpften. Als die Partei auf Betreiben Clara Zetkins ihren Ausschluss beschloss, besann sie sich aufs Schreiben. Mit ihren Büchern hatte sie Erfolg. Sie kämpfte für alle arbeitenden Frauen. Sie starb mit 51 Jahren nach einem Schlaganfall.

Wer war’s?