Im Reich der Säugetiere sind die Geschlechterrollen klar verteilt: Es gibt keine Art, bei der der Vater die Kinder säugt. Auch bei unseren hominiden Vorfahren war das nicht üblich. Darwin hat in seinem berühmten Werk Die Entstehung der Arten anlässlich der Brustwarzen-Frage spekuliert, dass bei den allerersten Säugetieren beide Eltern den Nachwuchs mit Milch versorgt haben könnten – harte Daten gibt es zu dieser Spekulation allerdings nicht.

Dass Männer heute immer noch Brustwarzen haben, liegt daran, dass diese sich in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung bilden – zu einer Zeit, in der sich das Geschlecht des Embryos noch nicht ausgeprägt hat. Zwar wird bei jedem Menschen schon zum Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle festgelegt, ob aus ihm einmal ein Junge oder ein Mädchen wird; in den ersten Wochen aber verläuft die Entwicklung völlig gleich. Schon in Woche vier bilden sich die Brustwarzen, aber erst in Woche sieben beginnen die Geschlechtshormone zu wirken, die dann für eine Ausdifferenzierung der sexuellen Merkmale sorgen. Die männlichen Brustwarzen bleiben.

Und nicht nur die: Männer verfügen auch über rudimentäre Brustdrüsen und damit prinzipiell über alle nötigen Attribute, um Milch zu geben. Dass sie das in Ausnahmefällen tatsächlich können, ist schon des Öfteren beschrieben worden. Alexander von Humboldt berichtete 1799 von einem venezolanischen Bauern, der nach dem Tod seiner Frau fünf Monate lang sein Kind stillte. Auch heute werden immer wieder solche Anekdoten berichtet. Und in neuerer Zeit tritt das Phänomen bei Männern auf, die mit weiblichen Hormonen behandelt werden,etwa gegen Prostatakrebs.

Christoph Drösser

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