Als ich den Präsidenten zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch klein, und er schrieb seine Reden noch selbst. Ich glaube, ich sagte Papa zu ihm. Er wirkte so weise. Er war gütig. Sanft. Er sprach schwäbisch. Die Erwachsenen sagten: "Er ist ein Mann des Geistes." Ich dachte, ja genau, so einen brauchen wir.

Heute bin ich erwachsen. Ich glaube, wir brauchen gar keinen Präsidenten. Wir brauchen keinen deutschen König, wir brauchen keinen deutschen Papst, wozu dann einen Präsidenten? Er kommt in der Haltung ja nicht ganz billig, 17833 Euro im Monat. Aber das Gehalt ist noch das Wenigste. Die Amtsführung. Das Büro. Das viele gute Essen. Die dauernden Dienstreisen. Der Etat des Präsidialamtes beträgt 22,96 Millionen Euro. Von 2003 auf 2004 ist er um 12 Prozent gestiegen, o ja.

In den letzten Tagen steht dauernd etwas über neue Haushaltslöcher in der Zeitung. Sie wollen praktisch alles dichtmachen. Vielleicht erhöhen sie die Steuern. Warum denn nicht, statt einen Präsidenten zu haben, den Tierpark in Berlin vor der Schließung retten? Tiere sind doch gut. Oder ein paar Schulen aufpeppen? Alle staatlichen Ausgaben sollen auf den Prüfstand, heißt es doch immer.

Der Präsident kam kurz nach dem Krieg in sein Amt. Schon damals war umstritten, ob man ihn braucht. Einen Ersatzkönig ohne irgendwas dran. Es war klar, dass er keine Macht haben darf und nicht vom Volk gewählt werden soll, man hatte mit starken Präsidenten schlechte Erfahrungen gemacht. Er sollte neue Gesetze gegenzeichnen, wie ein Notar, zum Beweis dafür, dass diese Gesetze auf korrekte Weise zustande gekommen sind. Er sollte Reden halten, Bundesverdienstkreuze an dazu geeigneten Personen befestigen und das große Ganze repräsentieren. Er sollte als etwas da sein, das über den Parteien und ihrem Streit steht und an allen Ecken des Landes rhetorische Girlanden in den Nationalfarben aufhängen.

Aus der SPD kamen Stimmen, die sagten: "Einverstanden, aber das kann doch auch alles sehr schön der Herr Bundestagspräsident machen." Nein, es musste unbedingt ein Präsident her. Die Mehrheit sagte: "Wir sind das so gewöhnt." Der Präsident fragte Bundeskanzler Adenauer sinngemäß: "Darf ich vielleicht hin und wieder an den Kabinettssitzungen teilnehmen?" Adenauer sagte sinngemäß: "Nein." Dann fragte der Präsident: "Aber die Liste der neuen Minister, die sehe ich immer als Erster, noch vor dem Bundestag, oder? Ich bin der Präsident!" Adenauer: "Kommt nicht infrage." Präsident: "Na gut. Aber ich will wenigstens vor dem Bundestag reden können, wann und worüber ich will. Ich bin ein Mann der Rede." Adenauer, sinngemäß: "Auf gar keinen Fall."

Es gab Juristen, die erklärten, dass der Präsident jedes Gesetz unterschreiben muss, egal, was er davon hält. Wie eine Maschine. Trotzdem, er hat ein paarmal seine Unterschrift verweigert. 1970 zum Beispiel kamen die von der Regierung ihm mit einem Architektengesetz, obwohl das Bundesverfassungsgericht erst kurz zuvor ein fast gleichlautendes Ingenieurgesetz für rechtswidrig erklärt hatte. Das war zu frech, da musste er einfach die Unterschrift verweigern. 1976 wollten sie die Kriegsdienstverweigerung erleichtern, das hat er für verfassungswidrig gehalten. Sie haben das Gesetz schnell ein bisschen umformuliert, dann hat er unterschrieben. Er war gegen die Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch. Aus innerer Überzeugung. Aber das Gesetz hat er unterschrieben. Es war nicht verfassungswidrig, da blieb ihm nichts anderes übrig.

Von Anfang an wurde auffällig oft über die Würde des Amtes gesprochen. Das war nötig, weil es diese Würde genau genommen nicht gab. Welche Würde hast du, wenn es in deiner Firma von dir heißt: "Der ältere Herr da hinten, das ist hier offiziell der Chef. Aber er hat nichts zu sagen. Der Junior hat ihn praktisch entmündigt. Aber der Alte hält immer die Ansprache bei der Weihnachtsfeier."

Der Präsident sagt immer das, was sowieso gerade in der Luft liegt