Jeffrey Eugenides wurde 1960 als Sohn griechischer Einwanderer in Detroit geboren. Bereits mit seinem 1993 veröffentlichten Debütroman "The Virgin Suicides" hatte er Erfolg. Das Buch wurde von Sofia Coppola verfilmt und ist gerade auf Deutsch unter dem Titel "Die Selbstmord-Schwestern" erschienen. Mit seinem zweiten Roman "Middlesex" gewann Eugenides im vergangenen Jahr den Pulitzer-Preis. Eugenides lebt seit fünf Jahren mit Frau und Tochter in Berlin, wohin ihn Stipendien geführt haben. Hier erzählt er davon, wie ihn die Bilder der Folter aus dem Irak verändert haben

Ich würde in diesen Tagen gerne sagen, ich käme aus irgendeinem beschaulichen Land. Seit zweieinhalb Wochen ist es verdammt schwer, Amerikaner zu sein. Diese Bilder aus Abu Ghraib zu sehen und mir vorzustellen, welchen Schaden das Ansehen meines Landes auf der ganzen Welt dadurch für Jahrzehnte nehmen wird, ist entsetzlich deprimierend.

Meine amerikanische Seele war nicht besonders erschüttert nach dem blow-job von Bill Clinton im Oval Office, aber angesichts der grausamen Fotos aus dem Irak empfinde ich grenzenlose Scham. Das Engagement der amerikanischen Einheiten im Irak-Krieg hatte in mir bereits Gewissenskonflikte provoziert. Aber die Schmach über die Art und Weise, wie Bush uns in diesen Krieg geschickt hat und damit den Antiamerikanern in die Hände spielt, ist ein noch größeres Debakel.

Die Ereignisse überschlagen sich, aber die Scham lässt sich kaum noch steigern. Die Enthauptung von Nick Berg als Rache für den Missbrauch im Gefängnis von Abu Ghraib war ein noch entsetzlicheres Spektakel als die ersten Gefängnis-Fotos. Während in den Vereinigten Staaten der Missbrauch in Abu Ghraib verurteilt wird – schließlich vermag der Skandal die jetzige Regierung zu stürzen –, schlägt die arabische Presse von Kairo bis Saudi-Arabien in ihren Berichten über die Enthauptung von Berg gedämpfte Töne an.

Die meiste Zeit nehme ich mich nicht als Amerikaner wahr. Mir gefällt es, mich als Kosmopoliten und Weltbürger zu sehen, der in Europa lebt. Es hat mich noch nie gereizt, Dinge nur durch die amerikanische Lupe zu betrachten. Aber in dem Moment, in dem man persönlich so etwas wie nationale Schande empfindet, spürt man plötzlich, wie eng die Verbindung zur eigenen Heimat ist.

Wie soll ich in diesen Tagen von schönen Dingen träumen? Natürlich ist mir mit der Vorstellungskraft des Autors klar, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind. Jemand, der eben noch angenehm und sympathisch wirkte, kann sich unter den entsprechenden Umständen in ein Monster verwandeln. Dafür ist der Blutzoll in Ruanda genauso Beispiel wie die unvorstellbaren Gewalttaten der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Die Tatsache an sich überrascht mich nicht. Überall, wo Gesetzlosigkeit herrscht, kommen die schlimmsten Formen menschlichen Verhaltens zum Vorschein.

Was mich irritiert, ist der Mangel an Disziplin, der in diesen Gefängnissen herrschte und das Grauen nicht verhinderte. Die Vereinigten Staaten haben eine riesige Gefängnisindustrie. Viele der Leute, die diese Taten begangen haben sollen, waren, wie wir wissen, schon in den USA Gefängniswärter. Insofern können wir nicht so tun, als habe das nichts mit amerikanischer Kultur zu tun.

Wir Amerikaner haben während der letzten 150 Jahre keinen Krieg auf eigenem Boden erlebt. Deswegen gibt es Menschen, die sagen: Wir haben abgewogen und nach diesem Krieg im Irak geradezu gesucht. Gerade vorletzte Woche gab es eine neue Umfrage: 56 Prozent der Amerikaner sagen inzwischen, es war es nicht wert, Saddam Hussein vom Thron zu stoßen. Warten wir noch ein Jahr, dann werden noch mehr dieser Meinung sein.