Ihr Rock ist gestärkt, das Dekolleté gepudert. Jeannette I. trägt heute gelbe Knolle auf torfbraunem Samt: Frühkartoffeln in der Krone, Stoffkartoffeln auf dem Gewand. Wochenende für Wochenende wirbt sie für die heimische Knolle, pellt auf Gemüsemessen, lächelt an Infoständen, "denn bei uns hat schon der Alte Fritz Erdäpfel gepflanzt". Jetzt ist die Kartoffelkönigin aus Genthin nahe Berlin ins hessische Witzenhausen gereist – zum Deutschen Königinnentag. Dem größten Regentinnen-Rummel der Welt.

Witzenhausen, das sind 16.500 Nordhessen, 150.000 Kirschbäume und ein Minigolfplatz. Kinderwagen rattern übers Kopfsteinpflaster, auf den Fensterbänken lehnen Senioren, den Kaffeepott in der Hand. Fachwerkhäuser schachteln sich die Gassen entlang, um die Altstadt plätschert die Werra, von Wiesen gesäumt. Und rund ums Rathaus präsentieren sich 164 Königinnen. Die Dithmarscher Kohlregentin etwa und die Spreewälder Gurkenkönigin, die Arterner Salzprinzessin und die Aischgründer Karpfenkönigin, die Bardowicker Wurzelkönigin und die Hyazinthenkönigin von Boizenburg – das sind die Exotinnen im Gros der Wein-, Spargel-, Apfel- und Rosenmajestäten.

Im Januar 2001 gründete sich in Witzenhausen die Arbeitsgemeinschaft Deutscher KönigInnen. Seither vereint sie alle drei Jahre die Obst-, Gemüse-, Produkt- und Regionalköniginnen, informiert auf Tourismusmessen und verfasst einen Königlichen Reiseführer für standesgemäßen Urlaub. Anfang April hievte sie eine Krone auf den Witzenhäuser Stadtturm, an diesem Maiwochenende schließlich lud sie ein – zur königlichen Autogrammstunde, zu Festumzug und Regentinnen-Party.

Wolfgang I. ist einer der ganz wenigen Männer inmitten der Königinnen-Power. Vor vier Jahren schon kürte ihn das thüringische Heiligenstadt zum Möhrenkönig, ein Amt mit Tradition: 1227 näherten sich Feinde den Wehrmauern der Stadt. Der Wächter wollte das Tor verschließen, fand den Riegel nicht und nahm stattdessen eine Möhre. Die Heiligenstädter wähnten sich sicher und feierten wild. Derweil aber fraß eine Ziege die Möhre, die Belagerer fielen ein. Und fortan ward Heiligenstadt als "Sitz der Möhrenkönige" verspottet. König Wolfgang findet seinen Posten trotzdem "wichtig und würdig". Sein Zepter ist die Gummimöhre, auf seiner Blechkrone funkeln rote Glassteine. Wolfgang ist Throninhaber auf Lebenszeit: "Als ich die Antrittsrede hielt – genau in der Stunde –, ist der alte Möhrenkönig gestorben. Ich darf regieren, solange ich es kann." Nun steht er im Festzelt, kramt Foto um Foto aus den Falten seines Purpurmantels: Kinder wollen die Riesenkarotte, Mütter sein Bild.

Krautköniginnen hingegen haben ein Imageproblem. "Weinkönigin, das klingt gut, das wollen viele machen. Als Krautkönigin aber bewirbt sich kaum eine. Wir kriegen auch viel weniger Auftritte", klagt Claudia I. Dabei war es nach dem Dreißigjährigen Krieg der Weißkohl, der das bayerische Merkendorf vor dem Verhungern bewahrte. Der Kohl gedieh, der Handel erblühte, bis ins benachbarte Nürnberg verkauften die Bauern das nahrhafte Kraut. Heute darf die Kohlkrone nur tragen, wer mit Sachverstand eine Jury überzeugt: Claudia I. musste mit geübtem Messerstich den Strunk aushebeln und dann minutenschnell Kraut hobeln, bis der Bottich überquoll. "Da hilft es, wenn man schon als Kind mit Kohl zu tun hatte", sagt die Krautkönigin.

Überhaupt ist Fachwissen für Würdenträger fast ebenso wichtig wie die festkleidtaugliche Figur. Die Hüteskönigin etwa – Hütes nennen die Thüringer den regionalen Kloß – muss den heimischen Knödel geschmacklich vom gewöhnlichen Industrieprodukt unterscheiden können. Eine Bühler Zwetschgenkönigin sollte Pflaumenbäume besitzen und im Anbau der Bühler Frühzwetschge, 1840 entdeckt, bewandert sein. Die Westersteder Rhododendrenkönigin Tanja I., auf der Sträucherschau Rhodo gekürt, ist gelernte Gärtnerin. Und die Thüringer Wurstkrone darf überhaupt nur tragen, wer als Fleischerin, Schlachterin oder wenigstens als Wurstfachverkäuferin arbeitet.

"Die Thüringer Wurst ist die beste der Welt. Dieses Aroma, der knackige Biss, das ist einmalig", findet Amtsinhaberin Gabriela I. Sie ist Fleischermeisterin aus Familientradition, zum Königinnentreffen reiste sie mit ihrer Band. Auf dem Witzenhäuser Rathausplatz röhrt sie heute den Bratwurstsong – eigens komponiert zum 600. Geburtstag der Thüringer Rostbratwurst in diesem Herbst.

Die Wurstkönigin hat eine Sonderstellung unter den Königinnen: Sie steht für ein Produkt, das jeder kennt. Meist ist die Berufung der Lokalmonarchen ein Akt des Protests. Kleinststädte begehren auf, weil niemand sie wertschätzt, nicht ihr Gemüse, nicht ihre Blumen, nicht ihre Handwerkstradition. Das thüringische Lichte etwa wählt eine Porzellanprinzessin, "denn wir stellen seit 250 Jahren Porzellan her. Das weiß nur keiner", so Ariane I., Azubi in einem Porzellanbetrieb. In Bad Blankenburg "haben wir Thüringer schon im 18. Jahrhundert Lavendel angepflanzt – viel früher als die in Frankreich. Aber das ist vergessen", klagt Lavendelkönigin Nadine.