Nein, diese Seiten enthüllen uns keine neuen Geheimnisse des christlichen Sokrates von Kopenhagen. Sie zeigen nichts Intimes, sondern Verachtung. Sören Kierkegaards Verachtung galt der wohlanständigen Bürgerlichkeit seiner Haupt- und Kleinstadt, dem Philistertum ihrer Amts- und Staatschristen, dem Mittelmaß der Moderne, von Meinungsmode und Feuilleton, von Ballottage und Demokratie. Es sind also keine rechten Tagebücher, aus denen Tim Hagemann nun seine Auswahl der Geheimen Papiere Kierkegaards für die Andere Bibliothek zusammengestellt hat. Wir erfahren nichts Privates über den Autor, das in seiner öffentlichen Person nicht zu erkennen wäre.

In seinen Geheimen Papieren feilte Kierkegaard im letzten Jahrzehnt seines Lebens, bis 1855, immer wieder an den Waffen seiner Kritik. Kierkegaards Beschimpfungen von Pfaffen und Journalisten sind spätestens seit der Ein-Mann-Zeitschrift Der Augenblick aus dem Jahre 1855 bekannt, Kierkegaards Todesjahr (vor über einem Jahrzehnt ebenfalls für Enzensbergers Buchreihe von Hanns Grössel herausgegeben). Dort entlarvte Kierkegaard das verdammt gute Gewissen seiner dänischen Zeitgenossen mit allen ihm zur Verfügung stehenden rhetorischen Mitteln als unchristliche Verallgemeinerung der Heuchelei. Dann starb der nur 42-Jährige an Entkräftung.

In den Geheimen Papieren nun geht es neben den Pastoren einer anderen Kategorie vermeintlicher "Wahrheitszeugen" an den Kragen: der Journaille, dem literarischen Feuilleton und der öffentlichen Meinung. Diese ausgewählten Notate und Zwischenergebnisse mag man dann ebenso gut als "Konfessionen eines Radikalen" bezeichnen wie als "Blütenlese seiner Ressentiments" goutieren: So charakterisiert Klaus Harpprecht im Nachwort diese Anthologie des Hasses, durchaus nicht ohne Sympathie.

Das sei doch eigentlich die Bedeutung von Tagespresse oder Tagesschau, sagt Kierkegaard, "Publikum in eine Art Person zu verwandeln – und dann Publikum zu unterhalten". Anstelle der "Existenz-Form, der Einzelne zu sein", tritt das Konformitätsgefühl der Vereinigung. Da wird auch alles Handeln zur bloßen Begebenheit; an die Stelle der Wahrheit, die immer in der Minderheit ist, tritt die Majorität eines Klüngels, der keine Meinung hat.

"Geschwätz gebiert Geschwätz", die Tyrannei der Intimität ergießt sich in auf allen Kanälen waltende Konversation, in der dann natürlich die echten Genies keine Stimme haben: "Weh, weh, weh über die Tagespresse! Käme Christus jetzt zur Welt: So wahr ich lebe, er zielte nicht auf Hohepriester – sondern auf die Journalisten." So ist der Konsument von Aktualität zwar stets irgendwie "in der Welt dabei", doch eben niemals "gleichzeitig" mit sich selbst. "Publikum ist doch eigentlich was sich am tiefsten selbst verachtet; das ist doch das kläglichste Privileg, verantwortungslos zu sein, ungefähr wie der Wind oder ein Pferd oder ein Hund."

Gibt es eine treffendere Kritik an der allgegenwärtigen TV-Prominenz von heute? Die Entrückung aller Politik in Virtualität, in die Talkshows der Christiansens, hatte unser "Genie in der Kleinstadt" längst vorhergesehen. Und doch springt solche Aktualisierung zu kurz.

Wenn wir Kierkegaard nur als einen weiteren Kritiker der neuen medialen Öffentlichkeit, der Massengesellschaft lesen, verstehen wir ihn unter Niveau. Von diesen gab es ja im 19. Jahrhundert nicht allzu wenige, auch solche von Qualität: von den Romantikern bis zu Friedrich Nietzsche oder Jacob Burckhardt. Doch zum einen ist Kierkegaards Ingrimm wütender, älter als sein Jahrhundert: Da können wir Johann Georg Hamann im Soundtrack mithören, den Magus und Verehrer von ursprünglicher Sprache, heiliger Schrift – und sogar noch den Verfolgungswahn, der den armen Jean-Jacques Rousseau durch das ganze Europa trieb.

Und zweitens muss der gekreuzigte Kierkegaard für diese seine "christliche Kollision" mit der öffentlichen Meinung nicht mal die eigene Haupt- und Kleinstadt und ihre Zeitungslandschaft verlassen. Hat sich der dänische Sokrates etwa in die innere Emigration begeben, ins Exil einer welt- und ortlosen, "von der dunklen Andersheit eingeschlossenen Subjektivität"? Dies hatte Theodor W. Adorno Kierkegaards "Konstruktion des Ästhetischen" 1933 vorgeworfen. Doch derart solitär, provinziell und monoton ist Kierkegaards Existenzialismus überhaupt nicht.