Eine politische Vision zu haben gilt in unseren Tagen als geradezu unseriös. Wie selten zuvor beherrscht der Taktiker, der Realpolitiker die Szene - und denkt und handelt kaum über den Tag der nächsten Kommunalwahl hinaus. Wer jedoch Visionen von vornherein als Utopien denunziert, vergisst, wie viel auch unsere Demokratie Visionären verdankt, zumal das heute Unmögliche das morgen Mögliche sein kann. Ein klassisches Beispiel für einen Politiker in der Zerreißprobe zwischen Realpolitik und Vision ist ein Mann, dessen Name heute nur noch Legende ist: Etienne Cabet.

Seine Zeitschrift Le Populaire gehörte zu den einflussreichsten Oppositionsblättern im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Seine mehr als 50 volkstümlichen Broschüren, Almanache, Pamphlete und Geschichtswerke wurden in vielen europäischen Ländern gelesen. Er zählt zu jenen französischen Parlamentariern und Publizisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, welche, Konflikte und Karrierebrüche nicht scheuend, die demokratischen und sozialen Errungenschaften der großen Revolution von 1789 über den wirtschaftsliberalen Zeitgeist der skrupellosen Enrichissez-vous-Jahre unter dem Bürgerkönig Louis Philippe 1830 bis 1848 hinwegretteten. Kompromisslos verteidigte Cabet Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und nahm dafür Verfolgung, Emigration und den Verlust politischer Freunde in Kauf.

Drei Revolutionen hat Etienne Cabet erlebt. Seine Kinderjahre fallen in den Aufbruch des bürgerlichen Zeitalters. Am Vorabend der Französischen Revolution wird er 1788 in Dijon als vierter Sohn eines Böttchermeisters geboren. Er wächst auf in einem Elternhaus, in dem man die Marseillaise singt. Das sehnlich gewünschte Medizinstudium versagt ihm der magere väterliche Geldbeutel. Er wird Jurist, beendet sein Studium 1812, als Napoleons Ruhm und Reich zu zerfallen beginnen.

Seine Rolle als Mitbegründer des bourbonenfeindlichen burgundischen Bundes quittieren die 1815 wiederkehrenden Legitimisten mit einem dreimonatigen Berufsverbot. Dennoch verweigert Cabet Bonaparte bei dessen Rückkehr von Elba die Unterstützung. Nach der erneuten Abdankung des Kaisers jedoch, als die royalistische Justiz allenthalben Schauprozesse gegen Napoleons Generale der Hundert Tage inszeniert, übernimmt der blutjunge Rechtsanwalt beherzt die Verteidigung von Verfolgten und entreißt sie der Rache der Sieger.

Mut und Erfolg verschaffen ihm rasch Respekt und Einfluss in der liberalen Opposition. Für eine Denkschrift, in der er die ungezügelte Lynchjustiz des Restaurationsregimes öffentlich anprangert, erhält der 33-Jährige 1821 abermals ein Jahr Berufsverbot. Inzwischen haben ihm liberale Freunde Unterschlupf am Pariser Kassationshof verschafft. Er lernt die Männer des gemäßigten Flügels der liberalen Partei kennen und trifft im Salon des alten Revolutionsgenerals Lafayette die tonangebenden Anhänger der Republik von 1792 wie Jacques Charles Dupont de l'Eure. 1821 gelangt Cabet in die oberste Leitung der Charbonnerie, der oppositionellen Elite jener Jahre. Sie vereinigt Gegner der älteren Bourbonen-Linie aller Couleur: Bonapartisten wie Orleanisten (Parteigänger der jüngeren Bourbonen-Linie Louis Philippes), Republikaner wie Sozialisten. Die Zerfahrenheit und der rapide Zerfall dieser heterogenen Geheimverbindung wecken allerdings früh Cabets Aversion gegen jedwede Geheimbündelei ohne Wurzeln im Volk.

Er träumt von einem Bündnis zwischen bürgerlichen Demokraten und Arbeitern

Während der Julirevolution von 1830 gehört er mit anderen Verschwörern aus dem Kreis Lafayettes zu den Geburtshelfern des Bürgerkönigtums. Sie stürzen Karl X., den jüngsten Bruder des 1793 guillotinierten Ludwig XVI., und heben Louis Philippe auf den Thron. Als Generalstaatsanwalt auf Korsika kümmert sich Cabet um die Liberalisierung der dortigen Justiz. Doch die dynastische Politik der großbürgerlichen Julimonarchie zerschleißt rasch und gründlich seine Illusionen von einem demokratisch legitimierten Volkskönigtum. Fruchtlos drängt er Louis Philippe zur Auflösung der Kammern, verlangt eine Reform des Zensuswahlsystems, die Einberufung einer Volksvertretung und die Bildung eines volkstümlichen Reformministeriums. Zunehmend empört ihn die brutale Innenpolitik eines Regimes, das die 1830 errungenen demokratischen Rechte schon vier Jahre später drastisch drosselt. Ihn entrüstet die soziale Kälte und politische Vergesslichkeit der herrschenden Geldaristokratie, die 1831 und 1834 den verzweifelten Lyoner Arbeitern, die der Hunger auf die Straße treibt, mit Kartätschen antwortet. Als nationale Schande geißelt er eine dynastische Außenpolitik, die, statt den Freiheitskampf der Polen und Italiener zu unterstützen, sich mit den Mächten der reaktionären Heiligen Allianz zu arrangieren sucht.