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die zeit: Kürzlich gab es in Frankreich eine Kontroverse darüber, ob Gao Xingjian ein chinesischer oder ein französischer Schriftsteller sei.

Gao Xingjian: Ich bleibe immer ich selbst. Ob ich Chinesisch schreibe oder, wie neuerdings, Französisch, macht keinen Unterschied. Gewiss, ich habe die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Aber das interessiert höchstens Theoretiker. Ein Schriftsteller schreibt, was er will. Das ist alles.

zeit: Und trotzdem ist die chinesische Kultur, ihre ganze Tradition, untrennbar mit Ihrer Arbeit als Schriftsteller und als Maler verwoben.

Gao: Meine Leidenschaft gilt der klassischen chinesischen Tradition, die mich von früh auf geprägt hat. Wir haben davon so viel verloren! Wer erst unter den Kommunisten aufgewachsen ist, kennt nichts anderes. Ich habe das Glück, zwei Epochen in mir zu vereinen. Durch ihre Erziehung war meine Mutter stark von der abendländischen Kultur beeinflusst. Ich war mit ihr schon als Kind im Theater und im Kino. Mit fünf stand ich neben ihr auf der Bühne. Als Gymnasiast las ich die großen Autoren, Russen, Engländer, Amerikaner, Franzosen, griechische Tragödien – die westliche Kultur ist mir nicht fremd. Die Unterdrückung trieb mich geradewegs in die klassische und antike chinesische Kultur.

zeit: Gibt es sie noch?

Gao: Sie existiert in meinen Büchern und in meiner Malerei. Das ist die eine Seite. Zum anderen bin ich nun in Frankreich und lebe im Exil. 1989, angesichts der Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens, war mir klar, dass ich meinen Roman Der Berg der Seele rasch zu Ende bringen musste. Ich wusste, dass ich nicht nach China zurückkonnte. Wollte ich schreiben, musste ich im Westen leben. Das war für mich der einzige Ausweg. So habe ich diesen Roman in weniger als einem Monat fertig geschrieben. Mit ihm – und mit einem Theaterstück – wollte ich noch einmal ganz in diese Kultur eintauchen. Das Stück heißt Das Buch vom Berg und vom Meer. Der Titel spielt auf eines der ältesten Bücher Chinas an, das Shanhaijing, das ich in ein großes Spektakel verwandelt habe. Bislang fehlen die Mittel, um es zu realisieren. Dieses Stück fasst die Mythologien der chinesischen Antike zusammen, ganz so, wie es auch mit der griechischen Mythologie geschehen ist. Als dann der Roman und das Stück abgeschlossen waren, sagte ich zu mir: Frankreich und der Westen – das ist nun meine Realität. Ein Schriftsteller kann nicht in der Nostalgie leben. Das wäre jämmerlich. Deshalb entwickelte ich einen regelrechten Hunger auf ein anderes Leben. Ich sehe, wie sich andere chinesische Schriftsteller im Exil in der Hoffnung auf eine Rückkehr nach China eingeschlossen haben. In mir haben sich die zwei Kulturen hingegen verbunden.

zeit: Warum hat das kommunistische Regime die kulturellen Traditionen Chinas zerstört?

Gao: Das ist der Mechanismus der Revolution. Die Revolution hatte die Utopie, mit allem, was vor ihr bestand, Tabula rasa zu machen. In der Realität führte das zu einer neuen Diktatur, die noch schlimmer, noch härter war als alle ihr vorausgegangenen.

zeit: Nur in China, insbesondere während der Kulturrevolution, wurden systematisch alle Gebildeten zur Umerziehung aufs Land geschickt. Das ist radikaler als in allen vergleichbaren Fällen. Was begründet diese chinesische Radikalität?

Gao: In der chinesischen Kommunistischen Partei waren die meisten Revolutionäre Bauern. Die intellektuellen Vorläufer zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden unter Mao Tse-tung eliminiert. Mao stammt aus einer Bauernfamilie und verfolgte ein durch und durch bäuerliches Programm. Alles Vornehme, Raffinierte, der Adel, auch höhere Bildung konnte er nicht zulassen. Mao war ein großer Tyrann, und seine Radikalität hatte ein bäuerliches Fundament.

zeit: War Ihre Entscheidung, Schriftsteller zu werden, ein Aufbegehren gegen diese bäuerliche – also antikulturelle – Haltung?

Gao: Ja, das liegt in meiner Kindheit begründet. Ich durchlebte eine heitere Jugend. Mein Gymnasium, eine der ältesten Schulen in China, hatte eine mehr als hundertjährige Geschichte. Daher rührte eine gewisse Liberalität, sogar noch zu Beginn der kommunistischen Herrschaft in den frühen fünfziger Jahren. Die Professoren waren alte Intellektuelle, die englisch ebenso wie chinesisch sprachen, die eine gute Ausbildung und einen offenen Geist hatten. Doch als ich auf die Universität wechselte, begann der "Kampf gegen Rechtsabweichler", und die Liga Kommunistischer Studenten trug diesen Kampf in die Universität. Man wagte nicht einmal mehr, über die Liebe, über Mädchen zu sprechen, vor lauter Angst, denunziert zu werden. Es war ein radikaler und effizienter Terror. Junge Menschen, die ein paar westliche Bücher gelesen hatten oder die sich irgendwie als liberal ausgaben, sind einfach vom Campus verschwunden. Sie wurden in Arbeitslager verschickt. Es war furchtbar. Also begann man, eine Maske zu tragen. Meine einzige Zuflucht war die Bibliothek. Ich freundete mich mit den Bibliothekaren an. Die ließen mich in Ruhe. Mein Paradies, das sind die Bücher.

zeit: In Ihrem Buch eines einsamen Menschen spürt man eine große Traurigkeit. Sie sagen, Sie seien auf sich selbst zurückgeworfen worden. Wie sind Sie mit jenem China, das Sie umgab, umgegangen?

Gao: Ich hatte damals begonnen, Theaterstücke zu schreiben. Mit ein paar Kommilitonen organisierten wir eine Theatertruppe und führten Stücke auf, darunter Tschechow oder Molière. Ich spielte und inszenierte. Da es aber in unserer Truppe kein Mitglied der kommunistischen Jugend gab – aber großen Zulauf des universitären Publikums –, gerieten wir unter Verdacht. Wir mussten die Arbeit einstellen. Ich kannte einige alte Schriftsteller und Regisseure, denen ich meine Stücke zeigte. Die sagten mir, dass ich Schwierigkeiten bekommen würde. Also versuchte ich, mich anzupassen. Aber es gelang nicht. Ich versuchte, revolutionärer zu schreiben, aber auch das funktionierte nicht. Ich träumte sogar davon, eines Tages verlegt zu werden. Doch allmählich verglich ich mein Schreiben mit dem, was veröffentlicht wurde. Da sah ich nichts als politische Klischees. Das konnte ich nicht ertragen. Selbst wenn man eine revolutionäre Literatur macht, sollte sie doch Literatur sein. Am Ende wurde mir klar, dass das Schreiben ein Vergnügen nur für mich sein würde.

zeit: Im Einsamen Menschen suchen Sie eine "Stabilität" des Lebens "zwischen der Freiheit und den Grenzen". Was bedeutet das?

Gao: Im Alltag wie auch in der Politik musste man stets die Werke Mao Tse-tungs studieren. Jede Seite wurde tausendfach durchgenommen. Das tägliche Morgenstudium war stupide. Alle mussten anwesend sein. Wer einen Fehler in seinem Leben oder Denken begangen hatte, übte Selbstkritik. Alle folgten den neuesten Direktiven der Partei und wiederholten die immer gleichen Formeln. Ich auch. Sonst wurde man augenblicklich denunziert. Doch das war nicht mein Leben. Mein Leben begann nach der Arbeit, in der Nacht. Ich las und schrieb bis zum Morgengrauen. Dann war ich natürlich müde. Während der Versammlungen schlief ich ein – gut versteckt in der letzten Reihe in einer dunklen Ecke. Man nannte mich deshalb einen Träumer.

zeit: Dann wurden auch Sie aufs Land verschickt, in ein kleines Dorf. War das Ihre Rettung?

Gao: Ja. Hier begriff niemand, was mit mir wirklich los war. Natürlich musste man vorsichtig sein. Aber auf dem Land hatte ich ein kleines Zimmer. Wenn ich hinter mir die Tür zuzog, konnte ich meine Bücher herausziehen und sogar schreiben. Die Manuskripte musste ich freilich gut verstecken. Nach der "Schule des 7. Mai" – das war ein Umerziehungslager, mit gegenseitiger Überwachung in großen Schlafsälen rund um die Uhr – waren die fünf Jahre bei der Landarbeit eine Erleichterung für mich. Es war hart, aber ich konnte, wenn auch nur im Verborgenen, lesen und schreiben.

zeit: Aber dieses Leben im Dorf war doch nicht romantisch?

Gao: Es war sogar gefährlich. Überall lauerten Fallen, Blicke, die einen verfolgten und überwachten. Man musste mit den Bauern leben und in ihrer Sprache sprechen. Man redete vom Essen und von der Arbeit, riss grobe Witze. Anders gab es kein Überleben. Die Bauern fanden einen fremdartig. Man musste also ihre Sympathien gewinnen. Ich habe Fotos von ihnen und ihren Familien gemacht. Diese Fotos verschenkte ich, das freute sie und erleichterte mein Dasein.

zeit: Heute gibt es in China eine breite literarische Strömung, die von den Schrecken der Kulturrevolution handelt. Gehört das Buch eines einsamen Menschen auch dazu?

Gao: Bis heute gibt es in China kein vergleichbares Buch. Die "Wundenliteratur", wie sie in China heute geschrieben wird, entsteht unter den Bedingungen der Zensur und der Selbstzensur. Man darf nicht offen reden. Also spricht man von "Jahren der Verwundungen". Nicht einmal den Namen Mao darf man nennen. So kann kein klares Bild entstehen. Also beschreitet man Umwege und fällt damit in die politischen Klischees, die von der Partei erlaubt werden. So heißt es etwa, der Terror sei von den Roten Garden ausgegangen. Die Geschichte so auszulegen ist kindisch. Gewiss, diese jungen Menschen haben getötet. Aber wer war dafür verantwortlich? Die Partei. Mao Tse-tung. Die Roten Garden waren selbst Opfer, Marionetten in einem großen politischen Spiel. Aber es gibt noch einen tiefer reichenden Aspekt: Ein diktatorisches Herrschaftssystem kann nur eingerichtet werden, weil die Menschen schwach sind. Die Literatur wiederum darf sich nicht damit begnügen, die politischen Ursachen eines solchen Phänomens darzustellen. Für ein Buch braucht es mehr, als nur die Kommunistische Partei Chinas zu kritisieren. Mein Buch ist zeitlos, weil ich in das Wesen des Menschlichen eindringe. Wenn Literatur eine Rolle spielen soll, dann nicht bloß im Sinne einer politischen Erziehung oder Parteinahme. Man muss versuchen, das Gewissen der Menschen wachzurütteln. Bislang fand ich nur wenige Werke, die etwa den Aufstieg der Nazis überzeugend darstellen. Anfangs wird solch ein Regime von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt. Später dann werden die Menschen betrogen.

zeit: Wie lässt sich dies begreifen?

Gao: Meine Trauer und mein Pessimismus entstanden aus solchen Fragen. Menschen lassen sich nicht umerziehen. Sartre hat es ausgesprochen: "Die Hölle sind die anderen." Und: Die Hölle ist man auch selbst. Daran denkt man nicht. Das Übel in dir kann auch den anderen schaden, es zieht andere Plagen nach sich. Wenn solche Leute an die Macht gelangen, nutzen sie die Schwäche der Menschen aus, und das Ergebnis sind gigantische Katastrophen. Ich musste dieses Buch eines einsamen Menschen über das Individuum und die Menge schreiben, um diese Schwäche herauszuarbeiten. Eine Literatur, die nur anklagt, genügt nicht.

zeit: Es gibt in Ihrem Buch noch eine andere Provokation: die Sexualität.

Gao: Ich denke, Sexualität ist zutiefst menschlich. Auch die Gewalt, die Aggression, ist ein Teil der Sexualität – bei Männern ebenso wie bei Frauen. Man muss fragen: Wo ist der Ort, von dem aus der Schriftsteller spricht? Er spricht nicht für seine Figuren. Er ist Erzähler – ein unbefangenes Auge, ein kalter Beobachter. Er zeigt die Dinge, wie sie sind. Er arrangiert nichts und schwächt nichts ab. Er enthüllt die menschliche Seele.

zeit: Wie waren die Reaktionen der Kritiker?

Gao: In China gab es keine Kritik. Nichts. Die Zensur richtet sich nicht nur gegen meine Werke, sondern gegen meinen Namen. Mein Name erscheint in keiner offiziellen Publikation. Sie haben ihre Lektion gelernt: Wenn man jemanden kritisiert, muss man ihn erwähnen.

zeit: Und außerhalb Chinas?

Gao: Auch da gab es nur sehr wenige Kritiken dieses Buches. Ich muss darüber lachen. Viel lieber wird vom Roman Der Berg der Seele gesprochen als vom Buch eines einsamen Menschen.

zeit: Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sie bei der Kritik ein Unbehagen auslösen. Ich habe mir Rezensionen angesehen, die in Deutschland über den Berg der Seele erschienen sind. Manche schrieben, das Buch sei so sehr chinesisch – also fremdartig –, dass es nur schwer zugänglich sei. Ist das in Ihren Augen ein zulässiges Argument?

Gao: Ich glaube nicht. Vielleicht erwarten sich diese Kritiker eine angenehme Literatur. Aber für mich ist Literatur niemals angenehm. Ein Buch verdient, gelesen zu werden, wenn es an eine Essenz rührt, ohne Umschweife. Was ich geschrieben habe, ist ohne Umschweife. Ich bin draufgängerisch. Und das nicht nur ein Stück weit, wie es für manche Leser zuträglich ist. Ich sehe den Menschen so, wie er in mir steckt, und das schließt die Hölle mit ein.

Das Gespräch führte Rüdiger Wischenbart

Gao Xingjian:Roman aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff; Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004; 477 S., 29,90 € Das Buch eines einsamen MenschenRomanBelletristikchinesischaus dem Chinesischen von Natascha VittinghoffGao XingjianBuchS. Fischer2004Frankfurt a. M.29,90477Natascha Vittinghoff