Nie war das Inferno schöner. Riesenwellen rollen durch Hochhausschluchten, Hagelkörner, groß wie Tennisbälle, prasseln auf Tokyo, Tornados fallen über Großstädte her. Roland Emmerich lässt in The Day after Tomorrow kaum einen Schrecken aus. Wo sich andere Katastrophenfilmer auf eine Naturgewalt beschränken, schöpft er aus dem Vollen: Überschwemmung, Sturm, Kälte, Massenflucht. Die dramatischen Bilder gehen unter die Haut – aber wie realistisch sind sie? Könnten die Treibhausgase, die aus Schornsteinen und Auspuffen quellen, tatsächlich eine Eiszeit anstoßen?

"Nichts als Science-Fiction", winkt Michael Sarnthein von der Universität Kiel ab, ein Paläoklimatologe wie der Held des Films. Denn das Klima kann nicht innerhalb weniger Tage kippen. "Stimmt", gibt Emmerichs Co-Produzent Mark Gordon unumwunden zu. "Wir wollten keine wissenschaftliche Vorlesung halten, sondern die Leute unterhalten". Und der dramaturgische Zeitraffer leistete Hollywood dabei schon immer gute Dienste. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Plot nicht. "Jeder Katastrophenfilm", meint Emmerich, "braucht einen wahren Kern, um die Zuschauer zu packen."

Es geht um eine Gefahr, mit der sich etwa Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beschäftigt: das Abreißen des Golfstroms, genauer gesagt seines nördlichen Ausläufers, des Nordatlantikstroms. Derzeit sinkt im hohen Norden, zwischen Grönland und Norwegen, kaltes, salzreiches und damit schweres Wasser in die Tiefe, sodass warmes Oberflächenwasser aus dem Süden nachströmt. Dieser Motor könnte ins Stottern kommen, wenn zu viel Süßwasser in sein Getriebe gerät.

Vor rund 12000 Jahren ist das zum bisher letzten Mal passiert. Damals, am Ende der Eiszeit, waren die riesigen Gletscher über der Hudson Bay abgeschmolzen. Mit Modellrechnungen hat Rahmstorf gezeigt, dass Europas Zentralheizung erneut schwächeln oder sogar ausfallen könnte, wenn sich die Atmosphäre weiter aufheizt. So paradox es klingt: Weltweit steigende Temperaturen könnten Europa eine verheerende Kälte bringen.

"Derzeit ist die Gefahr sehr gering", meint Rahmstorf, "aber nicht ganz auszuschließen." Sein Mitarbeiter Toll Kuhlbrodt hat den schlimmsten Fall durchgerechnet. Ergebnis: Wenn die Strömung tatsächlich abreißen sollte, frühestens in 30 bis 40 Jahren, würden die Temperaturen in Nordwesteuropa um drei bis fünf Grad fallen. Das klingt harmlos im Vergleich zur letzten Eiszeit, als es rund 20 Grad kälter war. Doch auch ein solcher Kälteeinbruch innerhalb von Jahrzehnten, sagt der Klimatologe Christoph Schär von der ETH Zürich, "wäre ein katastrophales Ereignis, das den Alltag in Europa völlig verändern würde". Großwetterlagen, Niederschlagsverteilung, Sturmhäufigkeit – alles wäre anders. Allerdings federt die Erwärmung der Luft durch Treibhausgase das Desaster etwas ab. Unterm Strich bliebe nur eine geringe Abkühlung.

Die Klima-Modellierer haben jedoch eine weitere Gefahr ausgemacht: Die veränderten Meeresströmungen ließen die Pegel im Nordatlantik um bis zu einen Meter steigen. Das flache Holland, das teilweise unterhalb des Meeresspiegels liegt, wäre kaum zu schützen. Auch New York müsste Unsummen in den Küstenschutz stecken.

Mit den Katastrophen-Szenarien des Films hält die Realität freilich nicht mit. Das vereiste Manhattan – alles nur Fantasie. Denn der südliche Teil des Golfstroms, der an der nordamerikanischen Küste entlangstreicht, wird größtenteils von Winden in Schwung gehalten und bleibt somit bestehen. Von einer anbrechenden Eiszeit kann nicht die Rede sein.

Der globale Wärmehaushalt kommt nicht durcheinander, wenn ein kurzer Arm im weltweiten Karussell der Meeresströmungen wegbricht. Da müsste schon ein großer Teil der Nordhemisphäre vereisen, sodass der Schnee viel Sonnenenergie ins Weltall zurückwirft. Und das wird kaum passieren. "Eine Eiszeit", sagt Kuhlbrodt, "ist in den nächsten 10000 Jahren nicht zu erwarten." Aber er wird sich den Film ansehen – und freut sich auf die Computeranimationen. Klaus Jacob