Nach Moskau! Wenn endlich voller Zugang zu den Archiven gewährt sei, werde das zum "Schlachtruf von Historikern". Aus den Akten, deren fünf Filetstücke sich noch immer unter strengem Verschluss befänden, werde sich dann das "Wirken Einzelner" endgültig erschließen. Nach Moskau?

"Innere Hemmnisse", schreibt Brigitte Seebacher, hätten ihrem Buchplan lange entgegengestanden. Aber dann habe sie sich entschlossen, die "subjektive Erfahrung" – vierzehn Jahre lang lebte sie zusammen mit Willy Brandt – mit "objektiver Erkenntnis" zu unterlegen; wobei sie, so wird hingehaucht, gleichsam einem Auftrag oder doch Wunsch nachkomme, den der Todkranke äußerte. Schreibe! Gezögert, getan. Rankenwerk will sie beiseite lassen. Ihr geht es um das "Wesentliche".

Nach Moskau führt die Spur! Der Verdacht wird damit aufgewärmt, Herbert Wehner habe zusammen mit seinem Stallgefährten Erich Honecker ein "Komplott" geschmiedet gegen den Kanzler Brandt – der 1974 wegen des Spions im Dachstübchen, Günter Guillaume, demissionierte. Insgesamt seien drei Agenten an die Spitze durchgedrungen, einiges bleibt also noch zu enthüllen. Nicht zu reden davon, dass ganz beiläufig auch der Name Hans-Dietrich Genscher auftaucht. Einfach mal so. Ausdrücklich wird nämlich festgehalten, im November 2001 habe sie beim vormaligen KGB bewusst nur nach Dokumenten geforscht, die Willy Brandt in seiner Zeit als Bundeskanzler betreffen, während sie einen Antrag auf dritte Personen, "etwa Genscher oder Wehner", gar nicht stellte.

Fast alle Brandt-Freunde trifft die Schrotflinte – nur Kohl nicht

Auch sein späteres Ausscheiden, wird angedeutet, könne mit Guillaume zusammenhängen – als hätte es je einen einzigen Hinweis gegeben, dass der Agent gezielt zum Brandt-Sturz beitragen sollte. Ach, übrigens: Auch Hans-Jochen Vogel war – wie ihr Mann meinte, sagt Frau Seebacher – mit "Diensten" sehr eng. Solche kleinen, giftigen Andeutungsmixturen haben Methode, ohne dass es Neues oder Belegbares oder auch nur Logisches dabei gäbe. Fast alle Brandt-Freunde und -Verehrer trifft diese Schrotflinte, nur Kohl nicht!

Peter Merseburger hat in seiner Biografie über Brandt geschrieben, Wehner, der Rücktritt, Brandt, Ost-Berlin und Moskau, das sei alles viel zu komplex, um nach einem simplen Konspirationsmuster erklärt werden zu können. Auch in dem detailliertesten Report über dieses Drama, Hermann Schreibers sorgfältigem und differenziertem Buch Der Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat (Econ Verlag 2003), wird Wehner keineswegs geschont. Dass er Guillaume instrumentalisierte, nachdem Brandt – von Wehner beschleunigt – Autorität verlor, ist sicher belegt genug.

Aber nicht ein Ferngesteuerter, sondern eine politische Figur war er eben auch, mit eigenem Urteil, von eigenem Stellenwert, prägend auch für so starke Persönlichkeiten wie Brandt und Schmidt, vermutlich sogar mit einer Leidenschaft am Gelingen "Deutschlands"; unabhängig von all seinen "Neurosen", wie Brandt es einmal nannte, ein tausendmal besserer Begriff als "Komplott". Wenn man dagegen einen Konspirationsverdacht in die Welt setzt, der so weit geht wie bei Brigitte Seebacher, der aber diese Komplexität total ausblendet, müsste man zumindest einmal neue Indizien anführen können. Und dann wäre immer noch die Frage zu beantworten, welcher Raison dieses "Komplott" folgte, was das Ziel war, ob die Ostpolitik befördert oder versenkt werden sollte, wer sich daran beteiligte und wer nicht, ob Ost-Berlin happy war oder entsetzt über den Sturz. Antwort: Zero.

Bei Seebacher wird lediglich angedeutet, die Verantwortlichen in Ostdeutschland hätten das "Gespenst des Sozialdemokratismus" gefürchtet. Na so was! Aber nicht einmal der Spur geht die Autorin nach, was daraus nämlich gefolgert wurde und bei wem genau ein Plan gegen den Kanzler gereift sein soll. Vollends kollidiert das Bild vom Meisteragenten Herbert Wehner mit dem anderen, bekannten, wonach er in erster Linie stets auf eigene Faust und eigene Rechnung operierte und nicht einmal sich selbst wirklich unter Kontrolle hatte. Leider wird auch nicht klar, oder wenigstens klarer, ob die Ostpolitik aus dieser subjektiven Sicht denn eine subversive Idee verfolgte. Gerade dazu wüsste man aus dem Wohnzimmer Brandts nun aber gerne mehr.