My Lai machte ihn zum Pulitzerpreisträger – und zum Paria. Ein Reporter der Washington Post rief ihn an und nannte ihn "Hurensohn". Offiziere drohten, ihn zu kastrieren. Hersh ließ nicht nach. Er deckte auf, dass Nixons Außenminister Henry Kissinger das Flächenbombardement in Kambodscha befohlen hatte und dass die CIA in den Putsch gegen Allende in Chile verwickelt war. Er schrieb über die Ölindustrie und das israelische Nuklearprogramm. Die New York Times holte ihn, um der Washington Post Paroli zu bieten, als die den Watergate-Skandal aufdeckte. Aber dauerhaft mochte er sich nicht dem Chefredakteur Abraham Rosenthal unterordnen. Er verließ die Times, um Bücher zu schreiben.

Als ihm gefälschtes Material für ein Buch über John F. Kennedy angeboten wurde, stürzten sich die Kollegen auf ihn wie die Hyänen, obgleich er es nicht verwendete. Hersh schien erledigt. Aber 1992 tauchte er wieder auf: Bei Tina Browns New Yorker, wo er über die Massaker an irakischen Soldaten im ersten Golfkrieg schrieb. Hat er eigentlich Angst vor den Attacken, denen er ausgesetzt ist? "Ich bin besorgt", sagt er. Angst? Nein. Sorgen bereitet ihm, was der aktuelle Krieg auslöst. "My Lai war schlimm, aber die Vietnamesen wollen nicht für immer unsere Feinde sein. Abu Ghraib ist, strategisch gesehen, viel gefährlicher", sagt er. "Die Araber werden uns das niemals vergeben, vor allem nicht die moderaten, auf die es ankommt. Wir haben uns den Hass von 1,3 Milliarden Muslimen zugezogen." Im Fall My Lai wurde nur Calley verurteilt und später begnadigt. Welche Konsequenzen werden die USA aus Abu Ghraib ziehen? "Es müsste eine Untersuchung geben, wer verantwortlich ist", sagt Hersh. "Aber wahrscheinlich werden sie die Folter den einfachen Soldaten anhängen. Wie immer."

Seymour Hersh, 1937 in Chicago geboren, ist der beste investigative Journalist unserer Tage. 1969 enthüllte er das Massaker von My Lai. Mit seinen Artikeln über die Folter im Irak setzt er nun die Regierung Bush unter Druck