Am Ende, voraussichtlich im Frühjahr 2008, sollen es 16 Bände sein. Was wir dann besitzen werden, ist nicht weniger als eine der großen Kommentierungsleistungen der Entwicklung der Moderne im 20. Jahrhundert. Die Rede ist von den Werken Siegfried Kracauers, die im Suhrkamp Verlag eine zweite Chance erhalten, nachdem eine Auswahl von Schriften seit 1990 nicht mehr fortgesetzt wurde. Bereits die ersten fünf Bände liefern einen beeindruckenden Einblick in die intellektuelle Arbeit Kracauers und dokumentieren gleichermaßen die Leistung des Herausgeberinnenteams. Inka Mülder-Bach, die sich seit ihrem 1985 erschienenen Standardwerk zum frühen Kracauer unermüdlich für dessen Erbe eingesetzt hat, und Ingrid Belke, Mitautorin des unentbehrlichen Marbacher Kracauer-Katalogs von 1989, sowie Sabine Biebl und Mirjam Wetzel haben nicht nur die üblichen Archivrecherchen durchgeführt, sondern Tausende von schwer erreichbaren Details zu Filmen zusammengetragen, die zum Teil nicht mal mehr in Kopie existieren.

1889 geboren, führt Siegfried Kracauer ab 1907 zwei Leben: Er studiert Architektur und ist gleichzeitig von Philosophie und Soziologie begeistert. Der Konzentration auf das mathematisch-technische Wissen setzt er ein Kreuz- und Querlesen durch die intellektuellen Angebote seiner Zeit entgegen. So entstehen 1913/14 parallel die Abhandlung Über das Wesen der Persönlichkeit und die Dissertation über die Entwicklung der Schmiedekunst. Der Erste Weltkrieg findet in Kracauers Reflexionen Niederschlag, nicht nur in dem bekannten Essay Vom Erleben des Kriegs (1915), sondern er führt zu der intensiveren Beschäftigung mit Zeitgenossen wie Henri Bergson, Heinrich Rickert und immer mehr Georg Simmel.

Letzterer ist es, auf den Kracauer seine Hoffnungen setzt. Er korrespondiert und trifft sich mit ihm, die Manuskripte gehen nach Straßburg zu dem verehrten Philosophen, der mal antwortet, dann wieder nicht. Am 26. September 1918, drei Monate nach dem Tod von Kracauers Vater, stirbt Simmel, ohne dass er für seinen Verehrer etwas hätte tun können. Kracauer lässt sich nicht entmutigen und schreibt eine umfassende Simmel-Deutung. Aber der Plan einer Veröffentlichung zerschlägt sich: Lediglich das erste Kapitel wird in der Zeitschrift Logos abgedruckt. 1963 wird es Kracauer in seine Sammlung Ornament der Masse aufnehmen.

Jetzt liegt der komplette Text erstmals vor. Der 1920 abgeschlossene Versuch über Simmel ist ein erstaunlicher Beitrag zur geistigen Situation der Zeit, denn Kracauer erkennt nicht nur – vor der eigentlichen Konjunktur dieser Einsicht – die Grenzen des lebensmetaphysischen Konzepts. Er sieht auch deutlich die antirationalen Bestrebungen darin, inmitten der säkularisierten Welt Bekenntnisse abzulegen. Kracauer misstraut schon zu diesem Zeitpunkt allen Formen religiöser Erneuerung. Und dennoch gibt ihm Simmel die Gewissheit, dass seine Generation als "Erschließer von Wesenheiten" agiert, dass ihr ein "untrügliches Gefühl für das Übereinandergelagertsein verschiedener seelischer Tiefenschichten" zugewachsen ist.

In dem Essay findet sich folglich nicht das übliche "Krisis"-Gerede, aber ebenso wenig die unstillbare Sehnsucht nach "Einheit" gegenüber der sich völlig fragmentiert darbietenden Wirklichkeit. Kracauer entwickelt in der Auseinandersetzung mit Simmel seinen eigentümlichen Blick auf die Welt, der durch die Mischung von völliger Distanz zu den Ereignissen und der Fähigkeit, alltägliche und intellektuelle Konjunkturen zu durchschauen, ausgezeichnet ist. Liest man die Simmel-Studie, dann wird klar, wohin die Intentionen von Kracauers "offizieller" theoretischer Arbeit über die Soziologie als Wissenschaft (1922) ihn führen werden.

Denn Kracauers spätere brillante Analysen der theoriegesättigten Gegenwartsdiagnosen von Ernst Troeltsch und Karl Mannheim, aber auch des antidemokratisch-nationalistischen Gewaltchauvinismus von Ernst Jünger und Frank Thieß werden angetrieben von einer neutralen, soziologischen Skepsis gegenüber allen ideologischen Überrumpelungsversuchen. Hier wie dort macht Kracauers vermeintliche "Abgeschiedenheit von der Welt" (Michael Schröter) ihn hellsichtiger und wacher in der Abwägung von stabilisierenden und destruktiven Kräften in der Weimarer Republik, als es die meisten seiner Freunde und Zeitgenossen waren.

Es hat lange Zeit gedauert, bis die Tiefenschärfe von Kracauers Essays, publiziert vor allem in der Frankfurter Zeitung, deren Redakteur er von 1921 bis 1933 war, erkannt wurde. So hat erst in jüngster Zeit der Göttinger Historiker Otto Gerhard Oexle nachgewiesen, dass es in den zwanziger und dreißiger Jahren keinen Vergleich dazu gibt, wie Kracauer mit seismografischer Exaktheit die zahllosen, für die Geschichte Weimars bedeutsamen Ausschläge der Historismus-Debatte registrierte.

Selbst Kracauers Roman Ginster (1928) und seine Studie über die Angestellten (1930) erfahren erst seit circa zehn Jahren verstärkte Aufmerksamkeit. Vielleicht erklärt sich seine Unterschätzung und Marginalisierung gerade nicht durch den üblichen Seitenblick auf die ambivalenten Äußerungen Adornos, die im vergangenen Jubeljahr erneut über die Maßen traktiert wurden. Kracauer wurde vielmehr lange Zeit verkannt, weil sich seine Analysen genau auf der Ebene ansiedelten, auf der ihm die Phänomene in den Blick gerieten. Seine angewandte Soziologie des Alltags legte meist nicht offen, warum er dieses oder jenes Puzzleteilchen genauer betrachtete. Gewöhnt an Benjamins dunklen Ton, der immer schon tiefere Einsicht zu signalisieren schien, verriet man Kracauer bis in die jüngste Zeit genau an die Oberfläche, an der er vermeintlich nur interessiert war.