Der Trainer ordnet ein kleines Spiel an, Angriff gegen Abwehr, Enke geht breitbeinig in die Knie, hält die Arme durchgestreckt nach unten, alle zehn Finger gespreizt, den Rücken kerzengerade, jeder Torhüter hat seine eigene Art, auf Schüsse zu warten. Er drückt sich vom Boden ab, seine Sprungkraft ist beachtlich, aber großartig ist seine Explosivität, blitzartig schnellt er nach oben. Als er einen Schuss noch erreicht, der schon im Tor schien, klatschen die paar Rentner auf der Tribüne. "Das hat mir am meisten gefehlt", sagt er. "Diese Gefühl: Für irgendjemanden ist es wichtig, was du machst." Er hat noch kein Spiel für Teneriffa absolviert, noch fehlt ihm Fitness, aber vor allem Sicherheit. Er weiß, schon bald wird er wieder spielen, und dann muss er frei sein von den Monaten, die hinter ihm liegen. Die Erinnerung ist der größte Gegner des Torwarts. Jeder Torhüter hat Fehler gemacht, hat schlechte Tage hinter sich, "kein Torwart kann seine schlechten Momente vergessen. Du musst versuchen zu verdrängen".

Lange ist es in seiner Karriere immer nur bergauf gegangen. Abitur in Jena, mit 19 debütiert er bei Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga. Gladbach steigt mit 79 Gegentoren ab, ein grausamer Rekord, und er schafft es, dabei gut auszusehen. Er wird Juniorennationaltorhüter, 1860 München lockt ihn, der Mönchengladbacher Jupp Heynckes wird Trainer bei Benfica Lissabon und will Enke unbedingt verpflichten. "Die Leute haben gesagt, der Enke ist geldgierig, weil ich nach Lissabon statt zu 1860 bin, und natürlich hatte der Wechsel viel mit Geld zu tun. Damals habe ich gemacht, was alle im Fußball machen: das beste Angebot genommen."

Er ist niemand, der schon immer gerne im Ausland leben wollte. Er gerät da so rein. Traurig bemerkt er, wie sein Status im Ausland steigt, er über ein Dutzend Angebote von englischen, spanischen und italienischen Klubs bekommt, unter anderem von AS Rom und Manchester United, der deutsche Fußball ihm aber jegliche Anerkennung verweigert. Er schaut noch immer Bundesliga im Satellitenfernsehen, die Heimat jedoch scheint ihn zu vergessen. "Manchmal, bloß manchmal, wünsche ich mir schon, noch einmal in der Bundesliga zu spielen, um den Leuten zu zeigen, dass ich im Süden nicht nur in der Sonne gelegen habe." Einmal, da ist er noch in Lissabon, bekundet der 1. FC Kaiserslautern sein Interesse. Nur um dann doch abzusagen. An dem Tag geht er mit seiner Frau Teresa an den Strand von Estoril, um sich abzulenken. "Und prompt hat es angefangen zu regnen. Da war die Depression komplett." Die Geschichte scheint nicht mehr als eine kuriose Anekdote, als ihn wenig später, im Juni 2002, einer der zehn größten Klubs der Welt anheuert. Er ist, 22 Jahre nach Bernd Schuster , der zweite Deutsche, der für Barcelona spielen darf. Drei Wochen nach seiner Ankunft sitzt er mit Teresa in einem Straßencafé in der Altstadt und spürt: "Ich bin erst kurz hier, aber ich habe schon das Gefühl: Hier möchte ich lange bleiben." Dann kriegt er kurz Panik, weil ein Kampfhund auf seine Frau zukommt. Er fürchtet, sie könnte den Hund mit nach Hause nehmen. Sieben Hunde haben die Enkes zu der Zeit, Teresa hat sie aufgelesen.

Heute Abend spielt Barcelona wieder. Ein Uefa-Cup-Spiel, er wird es sich im Fernsehen anschauen. Das Training ist vorüber, er ist müde, hängt selig auf einem Plastikstuhl in einem Café unten am Hafen von Santa Cruz. Er ist nachmittags oft hier und schaut sich die Menschen an. "Wie gut gelaunt sie sind." Teresa ist in Barcelona wohnen geblieben, wegen der Hunde, sie wollten sie nicht bis nach Teneriffa transportieren, wenn er vielleicht im Juli schon wieder weg ist. Acht sind es mittlerweile. Er wird wach, als er von ihnen erzählt.

Etwas hat sich verändert in den letzten Jahren. Er ist immer noch ruhig, sachlich, höflich: liebenswert. Bloß der engstirnige Ehrgeiz der Jugend ist verschwunden. Dieser Hunger junger Sportler, ihre absolute, euphorische Fokussierung darauf, der Beste zu werden, hat Platz gemacht für eine Gelassenheit. Oft fragt er sich, wie es wäre, wenn er mit Scheuklappen durchs Leben liefe, absolut überzeugt von sich und seiner Arbeit. Manchmal glaubt er, er wäre dann ein besserer Torwart.

Der Victor kennt keine Selbstzweifel
Enke über Barcelonas Torwart Victor Valdés

Es ist vermutlich ein Trugschluss. Auch einer, der Zuspruch und Bestätigung braucht, kann ein Klassetorwart sein. Er selbst hat das bewiesen. Aber nun sitzt er in der Bar des Luxushotels Mencey, schaut Barças Uefa-Cup-Spiel und sieht Victor Valdés. Da kommen einem solche Gedanken, ein Torwart müsse skrupellos sein. Valdés ist 22. Er hat sich den Platz geholt, von dem Enke dachte, es würde seiner werden. Valdés, ganz in Schwarz, der Farbe großer Torhüter, lenkt spektakulär einen Schuss über die Latte. "Der Victor kennt keine Selbstzweifel", sagt er. Es klingt bewundernd, es klingt irritiert. Barca führt 2:0, es wird langweilig, er fixiert sich auf den Mann vor ihm, der unaufhörlich in der Nase bohrt. "Ist das ekelhaft, guck doch mal!" Was fühlt er, wenn er Barca nun im Fernsehen sieht? "Gar nichts. Ich hatte doch nie das Gefühl, dazuzugehören."

Er bekommt eine Chance bei Barca. Valdés macht die ersten Partien, aber im Pokalspiel gegen Novelda, einen Drittligisten, darf er ran. Barca verliert 2:3, ein Aufschrei der Empörung geht durch die Stadt, eine Boulevardzeitung schreibt: "Enke schaufelt sich sein eigenes Grab." Das dritte Tor resultiert aus einem Missverständnis zwischen ihm und Verteidiger Frank de Boer, de Boer stellt ihn öffentlich an den Pranger. Es ist September 2002, der zweite Monat seines Drei-Jahres-Vertrages, und er fühlt, "ich bin schon gestorben". Er wird nur noch in zwei bedeutungslosen Spielen aufgestellt. Im folgenden Sommer darf er nicht mehr mit auf die Saisonvorbereitungstournee in die USA. Niemand sagt ihm etwas, er steht einfach nicht mehr auf der Liste. Er ist nicht doof, er weiß, was das bedeutet.