Hoch steht die Sonne am Himmel über Berlin. Schon am Mittag zeigt das Thermometer mehr als 30 Grad. Die erste Hitzewelle des Jahres 1930 hat die Stadt seit Pfingsten im Griff. Am 15. Juni versammeln sich mehrere tausend Teilnehmer aus 50 Staaten zur zweiten Welt-Kraft-Konferenz. Tagungsort ist der Festsaal der Kroll-Oper. Das Haus gegenüber vom Reichstag, sonst Schauplatz avantgardistischen Musiktheaters und rauschender Ballnächte, steht für ein paar Tage im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.

Diplomaten und Politiker, Forscher, Unternehmer, Journalisten aus allen Ländern sind zu Gast. Die Elite der deutschen Elektro- und Stromindustrie ist vertreten: Carl Friedrich von Siemens, Conrad von Borsig, der AEG-Direktor Paul Mamroth, auch Hugo Junkers, der Heizungs- und Flugzeugbauer. Zum Auftakt der Konferenz erklingt Richard Wagners Meistersinger- Vorspiel. Kanzler Heinrich Brüning verliest eine Botschaft des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Eine Rede des britischen Vertreters Lord Derby über die völkerverbindende Kraft der Technik folgt. Dann eröffnet der Konferenzpräsident, Seine Exzellenz Oskar von Miller, Gründer des Deutschen Museums in München und Erbauer des Walchensee-Kraftwerks, mit vier kräftigen Hammerschlägen auf einen Stahlgong den „Völkerbund der Technik“.

Eine Woche lang sonnen sich die Teilnehmer im Glanz ihrer Errungenschaften und Zukunftsvisionen. Der Niedergang der Aktienkurse, die verheerende Arbeitslosigkeit, die weltweite Depression sind kein Thema. Denn all das gehöre eher der Vergangenheit an: Bald schon seien die Kräfte der Natur gebändigt, und die Menschen überall auf der Welt verfügen über Energie im Überfluss, ein weltweites Stromnetz werde die Wohlfahrt der Völker heben. Allerdings schleichen sich mit dem Blick auf die Energiewirtschaft erste Zweifel ein: „Ob der heutige Raubbau an Steinkohle … früher oder später zur Erschöpfung dieser kostbaren Naturkraft führt?“, fragt das Berliner Tageblatt in seinem Leitartikel zur Tagungseröffnung. „Oder ob es gelingen wird, durch Nutzbarmachung der Sonne oder der sich immer wieder erneuernden Wasserkräfte der gewaltigen Verschwendung von wertvollen Nationalkräften Einhalt zu gebieten?“

Albert Einstein erforscht das Geheimnis des Lichts

Die Sonne ist es, sie ist die Energiequelle der Zukunft. Mit diesem Credo meldet sich der greise Chemiker und Naturforscher, der Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald von seinem Landsitz „Energie“ im sächsischen Großbothen über die Presse an die Konferenz. „Die fossilen Kohlen“, mahnt er, „sind ein einmaliges Erbe, das uns zugefallen ist, und sind der Erschöpfung ausgesetzt.“ Alle Energiequellen aber seien auf die strahlende Energie der Sonne zurückzuführen. Sie allein halte das „Rad des Lebens“ in Gang.

Geboren 1853 in Riga, gehört Ostwald zu der Generation europäischer Forscher, die von dem Gedankenkreis der Thermodynamik fasziniert ist: Energie lässt sich nicht erzeugen oder vernichten, sondern nur umwandeln. Aber jede Nutzung verwandelt verfügbare Energie in unverfügbare. Man kann den Kuchen nicht essen und zugleich behalten. Für Ostwald ist Energie sogar eine Primärsubstanz und alle Materie deren Erscheinungsform. Sein energetischer Imperativ: „Vergeude keine Energie, verwerte sie!“ Da die Endlichkeit der fossilen Energiereserven unumstößlich feststehe, müsse man sich nun fragen, wie die Sonnenstrahlen unmittelbar in elektrische Energie umzuwandeln seien.

An diesem Punkt seiner Gedankenkette, die er schon 1911 in seinem Buch Die Mühle des Lebens entwickelt hat, bringt Wilhelm Ostwald den „photoelektrischen Strom“ ins Spiel, die Photovoltaik. „Steckt man zwei oberflächlich oxydierte Kupferplatten in gewisse Lösungen und verbindet sie durch einen Draht, so geht durch diesen ein Strom, wenn man eine von beiden Platten belichtet.“ Das Verfahren sei wegen der zu geringen Ausbeute an Strom technisch noch nicht brauchbar. Aber schließlich habe Galvani zu seiner Zeit auch mit zwei Drähten und einem Paar Froschschenkeln angefangen. An die Zukunft der nachfolgenden Generationen, der Kinder und Kindeskinder, könne man jedenfalls mit „ruhiger Heiterkeit“ denken. „Solange die Sonne scheint, wird es ihnen nicht an Energie fehlen.“

Doch es gibt, schon auf der Berliner Konferenz, Gegenentwürfe. Wenn die augenblicklich verwerteten Energiearten aufgebraucht seien, prophezeit der britische Astronom Arthur Eddington, werde man die im Inneren der Atome enthaltene Kraft nutzen. Die lebensspendende Sonnenenergie nämlich entstehe höchstwahrscheinlich durch inneratomare Explosionen auf der Sonne. Folglich könne man aus Atomen unerschöpfliche Energiemengen gewinnen. „So weit sind wir heute noch nicht“, sagt Eddington am Schluss seiner Rede. Und wenn es eines Tages irgendwo gelingen sollte, fügt er mit einer Prise schwarzen englischen Humors hinzu, möchte er sich zu dem Zeitpunkt lieber nicht in dem betreffenden Laboratorium aufhalten.