Osama bin Laden scheint nicht nur bösartig und skrupellos zu sein, er ist offenbar auch noch intelligent. Oder braucht er persönlich gar nicht mehr schlau zu sein, funktioniert sein Terrornetzwerk schon allein? Was noch schlimmer wäre. Der Anschlag gegen die Ölindustrie in Saudi-Arabien jedenfalls zeugt von höchster Perfidie: In dem Moment, da der Ölpreis wegen des Energiehungers der Chinesen zum globalen Problem wird, setzen die Islamisten noch eins drauf. Sie wissen verdammt gut, was den Westen nervös macht.

Noch klüger jedoch ist der Zufall, der die UN-Konferenz für regenerative Energien und die Sitzung der Opec in dieselbe Woche gelegt hat. In Bonn sprechen die Staaten dieser Erde nur über allererste Schritte zur Förderung jener Energie, die einst die Abhängigkeit vom Öl vermindern könnte. Gleichzeitig schaut die Welt nach Beirut, hoffend, dass die Erdöl exportierenden Länder die Förderquote erhöhen. Dort hängt alles von Saudi-Arabien ab – ausgerechnet von jenem Land, aus dem die meisten Attentäter des 11. September stammen, das den Terror in Nahost unterstützt, das beherrscht wird von einer Prinzengang, die Amerika doch eigentlich zur Demokratisierung drängen, ja zwingen wollte. Und nun hofft der freie, winselnde Westen, die Prinzen mögen doch – bitte, bitte – mehr Öl pumpen, damit die Weltkonjunktur nicht lahmt (und George W. Bush die Wahl nicht verliert). So sieht das aus, wenn der Junkie, vor Angst schwitzend, dem Dealer droht. Wer nicht die Kraft findet, seine Öl-Abhängigkeit zu verringern, der kann sich auch keinen Krach mit den Prinzen leisten.

Es erstaunt, wie archaisch moderne Gesellschaften auf die Herausforderung des internationalen Terrors reagieren: mit Waffen und Aufrüstung, was nicht unbedingt falsch ist, aber sicher zu wenig. Zugunsten des "Krieges gegen den Terror" wurden Themen wie globale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Ressourcensparen beiseite geschoben. Dabei sind die vermeintlich weichen Themen ziemlich hart geworden.

Das alles ist so leicht zu begreifen, dass man sich fragt, warum die Konsequenzen nicht gezogen werden. Warum vermag eine US-Regierung nicht einzusehen, dass sie das Kyoto-Protokoll unterschreiben muss – weniger wegen des mutmaßlichen Klimawandels in einigen Jahrzehnten als wegen des Kampfes gegen den Terror in den nächsten Jahren. Natürlich gibt es keinen schnellen Weg aus der Öl-Abhängigkeit. Aber es macht schon einen erheblichen politischen Unterschied, ob man diese Abhängigkeit angesichts knapperer Ressourcen und steigender Nachfrage noch verschärft oder ob man sich von ihr zu befreien beginnt. Womit kann man arabischen Terror-Exporteuren drohen, wenn man sich vor jedem Barrel, das am Golf weniger gefördert wird, fürchten muss? Mit Waffengewalt? Das schafft auch Amerika pro Jahrzehnt nur einmal, höchstens. Keine Frage: Es gibt den Terror nicht wegen der Armut in der Dritten Welt, nicht wegen der Wasserprobleme und nicht, weil Palästinenser leiden. Doch nimmt sich der Terror, was er kriegen kann, um stärker zu werden, auch echte Probleme.

Sicherheits-, Energie- und Umweltpolitik als Einheit zu denken fällt dem Westen allerdings auch deshalb so schwer, weil die Europäer den Eindruck erwecken, sie würden die Bedrohung nicht so ernst nehmen wie die USA, sie wollten Energie sparen, anstatt das militärisch unter Umständen Notwendige zu tun, sie redeten auch deshalb so viel von den Ursachen des Terrors, um den Terror selbst nicht bekämpfen zu müssen.

Gerade die deutsche Politik, die gern mit dem grünen Finger auf Bush zeigt, setzt sich diesem Verdacht aus. Einer Regierung, die nach den Anschlägen vom 11. März in Madrid nicht von sich aus ein erneuertes Sicherheitskonzept vorlegte, der glaubt man schwerlich ihre Anti-Terror-Entschlossenheit. Und eine grüne Partei, die es nicht versteht, den Unterschied zwischen ihrem Wohlstandsökologismus der achtziger Jahre und einer zeitgemäßen ökologischen Sicherheitspolitik deutlich zu machen, darf sich über Niederlagen beim Emissionshandel nicht wundern.

Beim Treffen der Opec in Beirut siegt die arabische Petrokratie. Bei der UN-Konferenz in Bonn auch.