War alles nur ein Spuk? Etwas Unwirkliches legt sich in diesen Wochen über die Präsidentschaft von George W. Bush, etwas von verflogenem Traum und Irrtum der Geschichte. Das soll man eben noch beim Wort genommen haben, mit Furcht oder Hoffnung: die Aussicht auf ungezügelte amerikanische Allmacht oder auf eine demokratische Revolution in der islamischen Welt? Wie in Anführungszeichen kommt der Präsident Ende der Woche nach Europa, um in Rom den sechzigsten Jahrestag der Befreiung der Stadt von deutscher Besatzung zu feiern und in der Normandie die Landung der Alliierten, mit der Hitlers Herrschaft über den Kontinent dem Ende zuging. Dass Bush im November gegen Kerry verlieren könnte, ist jetzt eine reale Möglichkeit. Wenn er die Wahl übersteht, meinen viele, wird er trotzdem nie mehr sein, was er einmal war, der neokonservative ideologische Furor gebrochen, die Außenpolitik vielleicht wieder in der Hand von weltklugen Realisten à la Henry Kissinger. Die Wirkung der Kriegspräsidentschaft, ihr Schaden, wäre wohl gewaltig – Verwerfungen im Nahen Osten, Antiamerikanismus allüberall; strapazierte, wenn nicht ruinierte Allianzen. Aber auf der Habenseite bliebe nichts, kein Weg, der fortzusetzen wäre, kein Erbe. George W. Bush – eine Fußnote der Geschichte?

Die Europäer würden es gern glauben. Sie mögen Bush nicht. Das ist, Rumsfelds berühmtem Verweis auf ein pro-amerikanisches "new Europe" im Osten zum Trotz, keine französisch-deutsche Spezialität, auch kein Spleen einer Kulturelite, die Michael Moores Filmpamphlet Fahrenheit 9/11 in Cannes mit einer viertelstündigen Ovation gefeiert und ihm die Goldene Palme verliehen hat. Wobei schon der deutsche und der französische Fall sich unterscheiden. Die gängige Theorie dazu lautet, dass die Franzosen vielleicht wirklich antiamerikanisch seien, die Deutschen dagegen im Grunde nicht; nur diesen Präsidenten und seine Politik könnten sie nicht leiden.

Das hat man ein bisschen zu oft gehört, es klingt nach einer Lebenslüge, freundlicher: nach einer überholten Wahrheit aus der Zeit des Kalten Krieges, als die Bundesrepublik, Nachrüstungsproteste hin oder her, am Ende doch die Musterschülerin Amerikas war. Viel prinzipielles Wohlwollen gegen die Vereinigten Staaten ist auch in Deutschland nicht mehr zu spüren. Aber ein stark persönlicher Zug, ein Ton der moralischen Fassungslosigkeit über den Lügenpräsidenten, seine Bigotterie und seine Kamarilla – das fällt in den Stapeln deutscher Anti-Bush-Bücher in der Tat auf. Die Bundesrepublik ist das wahre Michael-Moore-Land. In Frankreich gibt es mehr weltpolitisch-systemische Höhenflüge, eine Populärschriftstellerei von Think-Tank-Akademikern über amerikanisches Imperium und europäische Gegenmacht. Bush ist da weniger Ursache als Symptom und das eigentliche Thema der Kampf um eine multipolare Weltordnung (und, natürlich, um Frankreichs führende Rolle dabei).

Doch revoltiert eben nicht nur das rheinisch-karolingische Kerneuropa. Die Briten sind sehr für die Vereinigten Staaten, aber auch sehr gegen diesen Präsidenten; dem Premierminister Blair hängt sein Bündnispartner innenpolitisch wie ein Stein um den Hals. Das Schicksal des spanischen Bush-Freundes Aznar ist bekannt, Italiens Berlusconi muss gleichfalls die Strafe der Wähler fürchten. In Polen, so weit hat Rumsfeld Recht, ist George W. Bush keine Hassfigur. Man hat dort gute Erinnerungen an republikanische Präsidenten – an Ronald Reagan, der den Sowjets Paroli bot, an Bush senior, der ein Europa "whole and free" proklamierte, das Ende der Spaltung des Kontinents und der Unterdrückung seiner östlichen Hälfte. Das Motiv des Tyrannensturzes hat Exdissidenten in Mitteleuropa vom Feldzug gegen Saddam Hussein überzeugt, an ihrer Spitze Václav Havel. Aber, das ist entscheidend, Bush zehrt bloß vom alten Vertrauen auf Amerika als Freiheitsmacht und Sicherheitsgarant, er hat mit seiner Politik und Person kein neues geschaffen. Er ist Präsident der Vereinigten Staaten, das ist und bleibt etwas Großes; ein neu-europäisches Bekenntnis zu diesem Amtsinhaber und seiner Staatskunst liegt darin nicht.

Für Deutsche und Franzosen ist er ein bequemer Präsident

Sein rascher Sieg im Irak hat die Europäer für einen Augenblick gezwungen, Bush ernst zu nehmen, sogar, so seltsam sich das anhört, intellektuell. Vom deutschen Grünen-Chef Reinhard Bütikofer wird die Bemerkung berichtet, man solle sich doch einmal etwas interessierter mit diesen Neokonservativen beschäftigen. Demokratie verbreiten, Freiheit statt Friedhofsruhe im Nahen Osten – der revolutionäre Impuls war nicht ohne Reiz für eine bürgerrechtliche, antitotalitäre Linke, die auch die richtigen Lektionen aus dem Ende des Sowjetreichs ziehen wollte: nicht noch einmal auf den Status quo der Diktatur setzen, auf die Breschnews der arabischen Welt, sondern auf die Kräfte der Veränderung. Joschka Fischers Nahost-Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar entwarf ein europäisches Pendant zum amerikanischen Projekt des Demokratie-Exports: ziviler, nicht so blaupausenhaft, aber einig mit der Diagnose, dass die Dinge zwischen Casablanca und Islamabad nicht bleiben dürfen, wie sie sind. Die EU verabschiedete eine Sicherheitsstrategie für ein Zeitalter der Gefahr, in dem man nicht mehr in Seelenruhe "Zivilmacht" sein kann.

Was aus diesen Einsichten wird, ist die entscheidende Frage an Europa im Augenblick von Bushs Schwäche. Roland Koch würde derzeit gewiss keine Mühe mehr darauf verwenden, im Weißen Haus vom Präsidenten unverhofft begrüßt und dabei fotografiert zu werden – was im Mai 2003 noch wie ein Triumph über den von Bush geschnittenen Schröder wirken konnte, wäre heute eine Begegnung mit politisch tödlichem Infektionsrisiko. Doch die taktische oder, bei den Kriegsgegnern, moralische Distanzierung von diesem Präsidenten ist das eine. Etwas anderes wäre ein Nachdenkverbot über die Ideen, die mit ihm in die internationale Politik gekommen sind, vom regime change bis zur militärischen Prävention, die Hoffnung, nun werde wieder alles wie früher – Amerika, Amerikas Rolle in der Welt, Amerikas Verhältnis zu Europa.

Der Alte Kontinent hat, im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, nie so richtig bis in die Knochen hinein empfunden, dass mit dem 11. September 2001 die Welt eine andere geworden sei. Bush hat das amerikanische Gefühl des Epochenbruchs aufgesogen, auch usurpiert und instrumentalisiert; er hat seiner bis dahin inhaltsarmen Präsidentschaft damit einen Sinn gegeben, sich selbst neu erfunden und der Welt als Verkörperung der veränderten Wirklichkeit vor Augen gestellt – kein Anblick, der der Welt gefiel. Aber, wie unwillkommen auch immer, zu übersehen war das Zeichen nicht. Bushs Niederlage, ob im Irak oder bei den Wahlen im November, würde auch ein Fenster der fruchtbaren Irritation, der Erschütterung von mechanischen Gewissheiten schließen. Denn Europa steht in der Gefahr, durchs Rechthaben nicht klüger zu werden.