Einmalig, diese Professoren – Seite 1

Sorabistik

Eduard Werner, Universität Leipzig

Sprachen: ein Kinderspiel. Eduard Werner konnte gerade sprechen, da lernte er schon zu schreiben. Als die Mutter des damals Dreijährigen per Telekolleg Rus-sisch büffelte, paukte der Knirps mit. Später kam Polnisch dazu, Litauisch, Lettisch, Esperanto und einiges mehr. Vor allem aber: Sorbisch, die Sprache der Min-derheit aus der Lausitz. „Das kam zufällig“, sagt Werner, heute 38. Nun ist der Mann, der im Westerwald aufwuchs, die wissenschaftliche Autorität der rund 60000 Sorben und damit für alles Mögliche gefragt. Er berät Lehrer in Grammatikfragen, schreibt ein Schulwörterbuch Englisch-Obersorbisch und übersetzt Literatur – Winnie the Pooh machte den Anfang. 30 Studenten zählt das Institut za sorabistiku. Dass einige davon sogar aus Japan kommen, um die Sprache einer deutschen Minderheit zu studieren, findet Werner ganz normal. „Wer ins Ausland geht, sucht sich eben etwas aus, bei dem er ein vernünftiges Betreuungsverhältnis erwarten kann.“ Warum also nicht Sorbisch lernen? Ist doch ein Kinderspiel.

Frauen und Sport

Ilse Hartmann-Tews, Deutsche Sporthochschule Köln

So ganz schien die Sporthochschule nicht zu wissen, was sie wollte. Gesucht wurde eine Person, die „auf geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichem Gebiet frauenspezifische Fragen in Lehre und Forschung vertritt“. Die Kölner waren auf ein Angebot des Wissenschaftsministeriums eingegangen, eine Professur für Frauenforschung in der Sportwissenschaft zu finanzieren – ohne genau zu wissen, was das ist. Das hat Ilse Hartmann-Tews inzwischen definiert: „Es geht mir darum, soziale Ungleichheiten im Verhältnis zwischen den Geschlechtern aufzudecken.“ So stellte die Soziologin in einer Studie fest, dass Sportlerinnen genauso selten in den Medien vorkommen wie vor 20 Jahren. Und dass etwa Bodybuilderinnen diskriminiert werden. Die 47-Jährige beschränkt sich aber nicht auf Frauenthemen: Derzeit fragt sie, warum mehr Jungen als Mädchen Opfer von Verkehrsunfällen werden. Was das mit Sport zu tun hat? Die Jungs, vermutet Hartmann-Tews, verunglückten häufiger, weil sie öfter mit Skateboards oder Fahrrad unterwegs seien.

Einmalig, diese Professoren – Seite 2

Jugendpastoral

Martin Lechner, Hochschule der Salesianer Don Boscos in Benediktbeuern

Der Kirche fehlt der Nachwuchs. Immer weniger Jugendliche besuchen Gottesdienste. Der Orden der Salesianer Don Boscos widmet sich traditionell jungen Menschen – kein Zufall also, dass der einzige deutsche Professor für „den Dienst der Kirche an und mit der Jugend“ an der Ordenshochschule im Voralpenland lehrt. Mit der Vermittlung der christlichen Botschaft beschäftigen sich viele in Deutschland. Aber nur der 52-jährige studierte Sozialpädagoge und Theologe konzentriert sich auf die katholische Kinder- und Jugendarbeit außerhalb der Schule. „Die Kirche muss sich überlegen, wie sie ihr Angebot so präsentieren kann, dass die jungen Leute das wählen“, sagt der Vater dreier Kinder. Anderswo heißt so etwas Marketing, Lechner spricht lieber davon, „dem Recht der Jugendlichen auf religiöse Begleitung gerecht zu werden“. Derzeit braucht der Professor erst einmal Werbung in eigener Sache. Der Benediktbeurer Aufbaustudiengang Jugendpastoral existiert derzeit nur auf dem Papier – es gibt keinen einzigen Studenten.

Archäobiologie

Hans-Peter Uerpmann, Universität Tübingen

Einmalig, diese Professoren – Seite 3

Naturwissenschaftliche Methoden – ein Job für Handlanger. Archäologen ließen ihre Funde lange Zeit von anderen analysieren. Wissenschaftler wie Hans-Peter Uerpmann machen das heute selbst. Zwei Doktortitel, in Veterinärmedizin und in Ur- und Frühgeschichte, ebneten den Weg. Auch Uerpmann lehrt seine Studenten erst einmal die Archäologie – doch am Ende können sie das biologische Wissen als Handwerkszeug draufpacken. Die Biologie „ist für uns zu 99 Prozent uninteressant, weil wir mit toter Materie arbeiten“, sagt der Archäobiologe. Doch der Rest gibt den Altertumsforschern Gewissheit, wo sie früher nur vermuten konnten. Die Möglichkeit, Erbsubstanz aus Knochenfunden zu extrahieren, „erbringt spektakuläre Ergebnisse“, sagt der 62-Jährige. So ist der Spezialist gefragt: Er jettet um die Welt, vom Schlachtfeld im Teutoburger Wald über Troja bis zum Wüstenfriedhof in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Glücklicher, der keine Handlanger mehr braucht.

Leitungsbau und -instandhaltung

Dietrich Stein, Ruhr-Universität Bochum

Seine Werke tragen Titel wie Instandhaltung von Kanalisation oder Grabenloser Leitungsbau. Es sind Bestseller, jedenfalls in Fachkreisen. Der Bauingenieur Dietrich Stein ist die deutsche Instanz für die Verrohrung der Unterwelt. Normalerweise wäre der 65-Jährige schon im Ruhestand. Doch der Professor hat noch Großes vor. Seine Idee heißt CargoCap: eine unterirdische Verkehrsader, in der führungslose Kabinen ihre Fracht unter den Staus der Ballungsräume hindurch zum Ziel manövrieren. Eine solche Güter-U-Bahn, die aussieht wie eine Kreuzung aus ICE und Maus, „ist eine Innovation von der Art, nach der Politiker täglich schreien“. Doch ob CargoCap eine Zukunft hat, ist ungewiss. Ein Gutachten stellte die Wirtschaftlichkeit des Systems infrage. Stein, Arbeitsplätze für seine Studenten und die Krönung seiner Karriere vor Augen, hält mit einem eigenen Gutachten dagegen. Historisch gesehen, sei der Widerstand normal: „Leute wie Virchow hatten im 19. Jahrhundert auch riesige Probleme, die Einführung der Kanalisation durchzusetzen.“

Feuerökologie

Einmalig, diese Professoren – Seite 4

Johann Georg Goldammer, Universität Freiburg

Lodernde Wälder sind für Johann Georg Goldammer ganz normal. Als Student der Forstwissenschaft stieß er 1973 auf das damals in Deutschland unbekannte Thema Feuerökologie, also die Funktion von Feuer in Ökosystemen. Zwei Jahrzehnte später predigt der 54-jährige Professor, dass Brände manchmal das einzig Richtige seien – weil sie, in Maßen eingesetzt, vor unkontrollierbaren Flammenmeeren schützten. Wichtigster Adressat der Goldammerschen Lehre sind nicht Studenten, sondern Regierungen: Seine Arbeitsgruppe, eine Unterabteilung des Max-Planck-Instituts für Chemie, dient den Vereinten Nationen als Global Fire Monitoring Center (Zentrum für Globale Feuerüberwachung) und ist damit weltweit die Instanz für Flächenbrände. Wenn, wie im vergangenen Jahr in Russland, Wälder von der doppelten Größe des deutschen Forsts abbrennen, liege das vor allem an der Ignoranz der Verantwortlichen. Gegen die kämpft der Workaholic an – auch wenn er dafür seit acht Jahren auf Urlaub verzichten musste. „In vielen Ländern der Welt ist die Situation kritisch. Da müssen wir einfach etwas tun“, sagt er.

Wild und Jagd

Antal Festetics, Universität Göttingen

Hermann Göring ist schuld. Ohne die Nazigröße gäbe es den Lehrstuhl für Jagdkunde nicht. Der Multifunktionär, im Nebenamt Reichsjägermeister, gründete das Institut als Hort einer weidmännischen Rechtfertigungswissenschaft. "Das war, als ob Sie Kettenrauchern aufgetragen hätten, den Raucher zu erforschen", sagt Antal Festetics. Als der Konrad-Lorenz-Schüler 1971 auf die Professur berufen wurde, fügte er dem Lehrgebiet die Wildbiologie hinzu, die seitdem mit der Betrachtung der Beziehungen zwischen Mensch und Wildtier den Schwerpunkt der Arbeit ausmacht. Gleichzeitig hielt der Biologe und Verhaltensforscher, durch dessen Engagement mehrere Nationalparks errichtet wurden, an der Jagdkunde fest – wenn auch mit neuem Verständnis: "Wir müssen den Jäger selbst untersuchen." Seitdem räumt der Mann auf mit Thesen wie der, die Jagd sei so alt wie die Menschheit. "Unsere Vorfahren waren in erster Linie Sammler", sagt er. Göring, meint Festetics, "würde sich in seinem schändlichen Grab 100-mal umdrehen".

Einmalig, diese Professoren – Seite 5

Chronobiologie

Till Roenneberg, Universität München

Am Anfang stand ein Ferienjob: Mit 17 arbeitete Till Roenneberg für Jürgen Aschoff, den Pionier der Uhr-forschung. Seitdem beschäftigt den Mann die Frage, wie wir ticken – im wörtlichen Sinn. Für Spätaufsteher sind die Erkenntnisse des Wissenschaftlers eine Wonne: „Ein Großteil der Bevölkerung sammelt unter der Woche ein riesiges Schlafdefizit an, weil sie ihre innere Uhr spät einschlafen, die Arbeit aber früh auf-stehen lässt.“ Da an der inneren Uhr kaum gedreht werden könne, sei es sinnvoll, die Arbeitszeiten den Vorgaben des Körpers anzupassen. Ginge es nach Roenneberg, müssten die Schulanfangszeiten weit nach hinten geschoben werden. „In der Pubertät rutscht die innere Uhr nach hinten, deswegen können Jugendliche gar nicht früh ins Bett gehen“, sagt er. Wenigstens den eigenen Alltag hat der 51-Jährige seinem Chronotypus angepasst: Vorzugsweise arbeitet der Professor zwischen 10 und 20 Uhr, Vorträge legt er auf den Nachmittag – „mit dem Erfolg, dass ich nie mehr einen Durchhänger habe während des Tages“.

Kaukasiologie

Heinz Fähnrich, Universität Jena

„Da kommt eine Professorin nach Jena, die will karibische Sprachen lehren und sucht einen Studenten“, hörte der Jungarchäologe Heinz Fähnrich 1960. Tatsächlich unterrichtete die Frau kaukasische Sprachen, doch der damals 19-Jährige bedauerte das Missverständnis keineswegs. Er war auf ein „Faszinosum“ gestoßen, stellte sich heraus: „Anders als die Ägypter haben es die Georgier geschafft, ihre Kultur seit dem Altertum bis in die Gegenwart zu bewahren.“ Der Kaukasus, ein Babylon aus rund 50 Sprachen, von denen manche nur noch von einigen hundert Menschen gesprochen werden. „Deutsche Forscher waren dort Pioniere“, sagt der Professor. Das aber ist lange her. Wenn der 63 Jährige in Rente geht, droht dem Fach das Aus. Das liegt an der geringen Nachfrage, vielleicht aber auch ein wenig daran, dass manche den Posten als „rote Professur“ sehen. Orchideenfächer wie Indogermanistik oder Graecistik würden vielfach angeboten, „uns aber gibt es nur einmal“, klagt Fähnrich. „Eine Schließung wäre jammerschade.“

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Kosmetik

Martina Kerscher, Universität Hamburg

„Frau Professor Kerscher? Nein, die ist nicht zu sprechen, sie gibt gerade ein Interview.“ Der Satz fällt häufig im Sekretariat der einzigen deutschen Kosmetikprofessorin. Die Expertin ist beliebt bei den Me-dien, weil sie unabhängig urteilt über Sonnenschutzmittel, Antifalten- oder Feuchtigkeitscremes. „Der Trend geht dahin, dass die Industrie die Wirkung von Kosmetika besser evaluiert“, hält die studierte Dermatologin den Herstellern zugute. Trotzdem sieht sich die 39-Jährige, die in ihrem Fachbereich als einzige Medizinerin unter lauter Chemikern lehrt, manchmal als Gegenspielerin zu den Marketingleuten der Produzenten: „Wenn es heißt, ein Mittel lasse innerhalb von einer Stunde 90 Prozent der Falten verschwinden, sollte dies relativiert werden. Während der Verbraucher etwa an tiefe Falten wie die auf der Stirn denkt, meinen die Hersteller kleinere Trockenheitsfältchen.“ Über solche Urteile ist die Kosmetikbranche nicht immer glücklich – aber Journalisten hören so etwas gern.