Theweleit: Die so genannten Sekundärtugenden sind ja eigentlich keine. Das waren einmal die Primärtugenden. Fußball in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts war ein Teil der Militarisierung der ganzen Gesellschaft. Die gesamte Sprache der Sportreporter kam daher, das Reden von Moral und Truppe. Stark ideologisierte Zeitungen wie Bild behalten das bis heute bei, obwohl auch sie auf mehreren Hochzeiten tanzen. Manchmal ist die Rede opportunistisch vom Fußball-„Ballett“, dann wieder soll es „Krieg“ sein.

ZEIT: Ist Sportberichterstattung immer noch eine verkappte Form der Mobilmachung?

Theweleit: Sport ist in der Bild- Zeitung das Hauptsteuerungsmedium für aktuelle Stimmungen. Was früher einmal mehr in der Politik lag, wird heute über den Fußball ausgetragen. Irgendjemand muss es abkriegen, das ist der Drogenanteil, den Bild jeden Tag seinen Lesern hinschiebt. Jenseits des Boulevards hat sich die Berichterstattung in den letzten 15 Jahren aber deutlich gebessert. Diese Martialität ist bei den meisten raus.

Finke: Bei den meisten Berichterstattern und Moderatoren reichen die Sprache und das Fachwissen nicht aus, um ein Spiel lesen zu können. 70 Prozent der Stadion-Besucher holen ihre Informationen ausschließlich aus der Bild- Zeitung. Wenn dort gezielt drei, vier Wochen lang Begriffe fallen wie „leidenschaftslos“, „kampflos“, „nicht effektiv“, dann hat das nichts mehr mit bloßer Unzufriedenheit zu tun. Es geht um ein Angstszenario, bei dem immerzu „der Abgrund“ droht oder „der freie Fall“.

ZEIT: Hat der deutsche Fußball Schwierigkeiten, sich zu modernisieren, weil er vor lauter Ängstlichkeit zu wenig Artistik zulässt?

Theweleit: Ich glaube, die Trainer sind überwiegend noch in einem Zwischenstadium. Wenn ich mir Matthias Sammer ansehe: Der ist zur Hälfte ein Fußballfachmann, aber genauso auch ein Antreiber, der definiert, was die Mannschaft muss. Nur: Der Spielertyp dafür wächst nicht mehr heran. Ballack ist zum Beispiel jemand, den kann man nicht mehr mit einem Arschtritt in der Kabine und moralischen Aufrufen dazu bringen, dass er die Mannschaft antreibt, der funktioniert nicht mehr so. Und dass der englische Fußball jetzt mit italienischen oder französischen Trainern seine großen Erfolge feiert, das muss für ein fußballtraditionelles Land wie England ein ungeheurer Schritt gewesen sein.

Finke: Die Internationalisierung und Globalisierung hat ja nicht nur dazu geführt, dass wir viel mehr Informationen über Talente in aller Herren Länder haben, sie hat auch eine andere Mentalität bei den Spielern erzeugt. Viele nutzen die Medien für sich, nutzen das Boulevard-Spiel für sich aus. Sie verhalten sich wie junge, intelligente Popstars, die es im Gefühl haben, wann es gut ist, für die Kamera noch mal richtig die Faust zu ballen. Plötzlich bist du durch ein paar geschickte Inszenierungen ein Medienführungsspieler.