ZEIT: Wenn die Welt auch im Fußball globalen Gesetzen folgt, warum erhält sich dann immer noch ein deutscher Stil?

Theweleit: Vielleicht erhält der sich gar nicht. Wenn ich mir eine moderne deutsche Mannschaft wie den VfB Stuttgart anschaue: Die spielen kein bisschen deutsch, sondern ein sehr variables Kurzpass, Konter- und Überfallspiel, mit guten Technikern auch in der Verteidigung. Und das mit diesem angeblichen Schleifer Magath als Trainer.

Finke: Die Vereinsmannschaften in den höchsten europäischen Klassen spielen alle ballorientiert, mit flexiblen Positionswechseln, aber einer Grundordnung drin, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Auch die deutsche Nationalmannschaft versucht längst, sich daran zu orientieren. Du kannst Zidane nicht manndecken, da schadest du im Endeffekt deiner eigenen Mannschaft. Wenn du einen Mann hinter einem einzelnen Spieler herlaufen lässt, hat das Netz, das du knüpfen musst auf dem Platz, plötzlich irgendwo ein Loch.

ZEIT: Das Nationale an der Nationalmannschaft ist also mehr und mehr ein Mythos?

Theweleit: Warum soll es das denn geben? Es gibt mediterrane Kulturen oder afrikanische Straßenfußballer. Die gehen anders mit dem Ball um. Aber den deutschen und den englischen Fußball unterscheiden zu wollen halte ich für Unsinn. Das ist ein Rest rassistisches Denken, der da drinsteckt.

Finke: Die Nationalspieler spielen Varianten dessen, was sie aus dem Verein kennen. Die Grundauffassung des Fußballs – ballorientiert, Überzahl suchen, keine Manndeckung – ist überall gleich. Da gibt’s keinen deutschen Stil!

ZEIT: Das damit einhergehende Verschwinden des „Führungsspielers“ wird von Klaus Theweleit als Symptom für die Zivilisierung der Gesellschaft gewertet. Spielt das für den Trainer eine Rolle?