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In unseren quietschmedialen Zeiten hat das Berufsbild des Schauspielers ein wenig an Kontur verloren. Für den einen oder anderen mag noch ein Rest von Burgtheater mitschwingen, ein Quäntchen Ritter, Dene, Voss, ein letzter Hauch von method acting und De Niro. Eigentlich aber ist die Schauspielerei eine Schimäre, die heimatlos umherirrt zwischen Vorabendserien und Werbung, halbseidener Egozentrik und den paar Film- und Bühnenrollen, mit denen man es, wie man so sagt, geschafft hat. In diese seltsame Gemengelage hinein stellt der Filmemacher Andres Veiel eine einfache Frage: Was um alles in der Welt bringt einen jungen Menschen von heute dazu, im Lichte der Scheinwerfer auf ein Holzpodest zu steigen und voller Inbrunst hundert Jahre alte Texte zu rezitieren?

Schon in seinen vorherigen Filmen hatte sich Veiel für Parallelführungen, Erlebnisse, Prägungen interessiert, die am Ende so etwas wie Biografien ergeben. In Die Überlebenden begab er sich auf die Spur der Selbstmörder aus seinem schwäbischen Abiturjahrgang. In Black Box BRD destillierte er aus den Lebensgeschichten des RAF-Terroristen Wolfgang Grams und des ermordeten Deutsche-Bank-Managers Alfred Herrhausen ein Stück politische und private BRD-Geschichte der siebziger und achtziger Jahre. In seinem neuen Film, dem Langzeitprojekt Die Spielwütigen, erkundet Veiel Lebenswege, die ansonsten auf drei, vier biografische Angaben im Programmheft eines Provinztheaters verdichtet werden. Der Film versucht, dem Geheimnis der Schauspielerwerdung dort auf die Spur zu kommen, wo es noch möglich scheint: beim Nachwuchs. Vier Schauspielschüler hat Veiel über sieben Jahre hinweg beobachtet. Er filmt ihre Ängste und Krisen, ihre Träume und Niederlagen, heftet sich an ihre Fersen, von der Aufnahmeprüfung bis zum ersten Engagement.

Zu Beginn folgt die Kamera den angehenden Darstellern zu den Eltern ins heimische Wohnzimmer. Hier, im Familienbetrieb, im Einfamilienhaus oder auf dem Plüschsofa der kleinen Arbeiterwohnung, muss der immer noch mit dem Makel des Unseriösen und Frivolen behaftete Berufswunsch erste Bewährungsproben bestehen. Ob sie nebenbei nicht noch was Anständiges studieren könne, damit sich das investierte Geld auch lohne, fragt eine Mutter. Ein vor Stolz schier platzender Vater hingegen freut sich, seine Tochter dereinst in RTL-Serien zu sehen. "Mein Sohn muss seine Träume zur Erfüllung bringen!", sagt Herr Antoniadis, der griechische Einwanderer.

Aufnahmeprüfung bei der Berliner Hochschule Ernst Busch - ein Albtraum aus Anspannung, Hoffnung, Angst, Auslese. Die Nachricht, dass man bestanden hat, halb erstickt von Tränen, Lachen und aufgeregtem Glucksen, ist der glücklichste Moment des Films. Vielleicht, weil hier schon deutlich wird, dass es für Veiels Novizen nicht um irgendeine Ausbildung geht, sondern um die einzig mögliche Existenzform. Spiel als Leben, Leben als Spiel. Die Spielwütigen kommt dem existenziellen, fast möchte man sagen: heiligen Ernst der Berufung so nahe es nur geht. Schauspielerei ist hier nicht Entscheidung, Wunsch oder Plan, sondern Zwang, Trieb, tiefster Impuls. Wenn Karina Plachetka im familieneigenen Friseursalon einen Schlager aus den Zwanzigern singt, werden Eltern, Schwester und Oma zu Zuschauern einer so inbrünstigen wie liebenswert durchchoreografierten Vorstellung. Was bringt die abgelehnte Stephanie Stremler, der man obendrein einen Sprachfehler und Koordinationsstörungen bescheinigt hat, dazu, sich auf zwanzig, dreißig, "wenn es sein muss hundert" Schauspielschulen vorzustellen? Angesichts einer erneuten Bewerbung sagt sie: "Die müssen mich nehmen, sonst ..."

Vor der Aufnahme funkelt die Schauspielschule noch als edle Elitenschmiede am Horizont, im Laufe des Films wird sie zum theatralischen Selbstfindungsseminar und zur Rekrutenmühle. Gemeinsam mit den Jungdarstellern taucht der Film ein in den Alltag einer Ausbildung, die den Menschen jeden Tag mit therapieähnlichen Extremsituationen konfrontiert. Der Schauspieler, heißt es bei Diderot, sei ein doppelköpfiges Monster, das die Qualen seiner Bühnenfiguren durchleiden und zugleich ungerührt durchschauen muss. Veiel filmt das Ringen des Ichs mit dem Anderen, den fortwährenden Kampf mit der Figur, die mühevolle Suche nach den Zeichen, Gesten, Tonlagen eines Bühnenempfindens, das nur ja von innen kommen soll. Sogar die kleinen Momente des Scheiterns bekommen hier etwas Exemplarisches: Schon sehr bald schrumpft das genialische Taxi Driver-Selbstbild von Prodromos Antoniadis, dem ältesten und selbstbewusstesten der Schüler, auf Normalmaß. Wie schafft man es, sich während der Probe den albernen Anweisungen eines Stanislawski-Jüngers zu unterwerfen und trotzdem ein starkes Bühnen-Ich zu entwickeln? Der Nachwuchs fühlt sich gegängelt, zupft den Frust zu Hause beleidigt in die Gitarre.

Von Anfang an lässt Veiel die Kamera auch private Nähe und Körperlichkeit suchen, als wolle er seinen Darstellern die Flucht in die Repräsentation erschweren. Dennoch bleibt ihm in manchen Augenblicken nichts anderes übrig, als Schauspielschüler zu filmen, die Schauspielschüler spielen. Andere Szenen, die offenbar vom Filmemacher gestellt sind, tragen zur Fluktuation der Wirklichkeitsebenen bei. Sobald die Kamera läuft, steht hier jeder auf den Brettern, die die Welt bedeuten. In der Bereitschaft, sich ganz offen zum Zuschauer einer ins Leben verlängerten Performance zu machen, liegt die Aufrichtigkeit dieses Films.

Veiel folgt seinen Schützlingen über den Schulabschluss hinaus, zu Engagements in Leipzig und Dresden, zum Besuch in der Schauspieleragentur.

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Prodromos Antoniadis, der glatzköpfige Taxi-Driver, will es wirklich wissen.

In einem rührenden Einschub sieht man ihn durch New York laufen. "I want to act", wird er den superprofessionellen Damen einer Agentur verraten und hysterische Lachkrämpfe auslösen. Die Zeit der deutschen Fieslinge im amerikanischen Kino sei vorbei, sagt die Agentin. Jetzt brauche man eher arabisch aussehende Typen.

Die Spielwütigen ist vieles: Schauspielerporträt, Verschaltung von Egotrip, Blick in die Eingeweide einer legendären Hochschule. Nicht zuletzt aber vollzieht dieser Film eine Verbeugung vor der Ernsthaftigkeit und dem individuellen Mysterium künstlerischer Produktion. Die bedingungslose Spielwut der jungen Darsteller bleibt der nicht erklärbare Rest, die Leerstelle, das Geheimnis des Projekts. Tatsächlich verfolgt man eine für heutige Verhältnisse recht sonderbare Form der Ich-AG. In der Ära der Rentendiskussionen und Reformdebatten hat es nämlich durchaus etwas Wohltuendes, zwei Stunden lang einer Hand voll jungen Leuten zuzuschauen, die ihre Berufung zum Beruf machen, indem sie buchstäblich alles aufs Spiel setzen.